Teil eines Werkes 
10. Band (1838)
Entstehung
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vor Augen gehabt haͤtte. Alle Kunſtgriffe der Beredſamkeit bot der Redner auf, dem Volk diejenige Seite einer Sache annehm⸗ lich zu machen, wozu er es gern bringen wollte; und verſtand er ſeine Kunſt, ſo waren alle Herzen in ſeinen Haͤnden. Durch dieſe Redner wurde dem Volk eine ſanfte und erlaubte Feſſel angelegt. Sie herrſchten durch Ueberredung, und ihre Herr⸗ ſchaft war darum nicht weniger groß, weil ſie der freien Wahl etwas uͤbrig ließ. Das Volk behielt voͤllige Freiheit, zu waͤhlen

und zu verwerfen; aber durch die Kunſt, womit man ihm die Dinge vorzulegen wußte, lenkte man dieſe Freiheit. Eine vor⸗

treffliche Einrichtung, wenn die Function der Redner immer in reinen und treuen Haͤnden geblieben waͤre. Bald aber wurden aus dieſen Rednern Sophiſten, die ihren Nuhm darein ſetzten, das Schlimnie gut und das Gute ſchlimm zu machen.

Mitten in Athen war ein großer, oͤffentlicher Platz von Bildſaulen der Goͤtter und Helden umgeben, das Prytaneum genannt. Auf dieſem Platz war die Verſammlung des Senats, und die Senatoren erhielten davon den Namen der Prytanen. Von einem Prytanen wurde ein untadelhaftes Leben verlangt. Keinem Verſchwender, Keinem, der ſeinem Vater unehrerbietig begegnete, Keinem, welcher ſich nur einmal betrunken hatte, durfte es in den Sinn kommen, ſich zu dieſem Amte zu melden.

Als ſich in der Folge die Bevöͤlkerung in Athen vermehrte, und anſtatt der vier Zuͤnfte, welche Solon eingeführt hatte, zehn Zuͤnfte gemacht wurden, wurde auch die Zahl der Prytanen von vierhundert bis tauſend geſetzt. Aber von dieſen tauſend Prytanen waren jaͤhrlich nur fuͤnfhundert in Function, und auch dieſe fuͤnfhundert nie auf einmal. Fuͤnfzig derſelben regierten immer fuͤnf Wochen lang, und zwar ſo, daß in jeder Woche nur zehn im Amte ſtanden. So war es ganz unmoͤglich, will⸗ kuͤrlich zu verfahren, denn Jeder hatte eben ſo viele Zeugen und

Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 30