Teil eines Werkes 
10. Band (1838)
Entstehung
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war, an die Eccleſia appellirt werden, welche dann in letzter Inſtanz entſchied, wie das Geſetz zu verſtehen ſey. Von allen Tribunalen konnte man an das Volk appelliren. Vor dem dreißigſten Jahre hatte Niemand Zutritt zur National⸗ verſammlung; aber ſobald einer das erforderliche Alter hatte, ſo konnte er ungeſtraft nicht mehr wegbleiben, denn Solon haßte und bekaͤmpfte nichts ſo ſehr, als Lauigkeit gegen das gemeine Weſen.

Athens Verfaſſung war auf dieſe Art in eine vollkommene Demokratie verwandelt; im ſtrengſten Verſtande war das Volk ſouveraͤn, und nicht bloß durch Repraͤſentanten herrſchte es, ſondern in eigener Perſon und durch ſich ſelbſt.

Bald aber zeigten ſich nachtheilige Folgen dieſer Einrichtung. Das Volk war zu ſchnell maͤchtig geworden, um ſich dieſes Vor⸗ rechts mit Maͤßigung zu bedienen; Leidenſchaft miſchte ſich in die oͤffentliche Verſammlung, und der Tumult, den eine ſo große Volksmenge erregte, erlaubte nicht immer, reif zu uͤberlegen und weiſe zu entſcheiden. Dieſem Uebel zu begegnen, ſchuf So⸗ lon einen Senat, zu welchem, aus jedem der vier Zuͤnfte, hun⸗ dert Mitglieder genommen wurden. Dieſer Senat mußte ſich vorher uͤber die Punkte berathſchlagen, welche der Eccleſia vorgelegt werden ſollten. Nichts, was nicht vorher vom Senat in Ueberlegung genommen worden, durfte vor das Volk gebracht werden, aber das Volk allein behielt die Entſcheidung. War eine Angelegenheit von dem Senat dem Volke vorgetragen, ſo traten die Redner auf, die Wahl desſelben zu lenken. Dieſe Menſchenclaſſe hatte ſich in Athen ſehr viel Wichtigkeit erwor⸗ ben, und durch den Mißbrauch, den ſie von ihrer Kunſt und dem leicht beweglichen Sinn der Athenienſer machte, der Republik

en ſo viel geſchadet, als ſie ihr haͤtte nuͤtzen koͤnnen, wenn ſie von Privatabſichten rein, das wahre Intereſſe des Staats immer