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übrig, als das Intereſſe des Cabinets an irgend ein anderes Intereſſe, das dem Volke näher liegt, anzuknüpfen, wenn etwa ein ſolches ſchon vorhanden iſt, oder, wenn es nicht iſt, es zu erſchaffer. 1K2
Dieß war der Fall, worin ſich ein großer Theil derjenigen Regenten befand, die für die Reformation handelnd aufgetreten ſind. Durch eine ſonderbare Verkettung der Dinge mußte es ſich fügen, daß die Kirchentrennung mit zwei politiſchen Um⸗ ſtänden zuſammentraf, ohne welche ſie vermuthlich eine ganz andere Entwicklung gehabt haben würde. Dieſe waren: die auf einmal hervorſpringende Uebermacht des Hauſes Oeſterreich, welche die Freiheit Europens bedrohte, und der thätige Eifer dieſes Hauſes für die alte Religion. Das Erſte weckte die Regenten, das Zweite bewafſnete ihnen die Nationen.
Die Aufhebung einer fremden Gerichtsbarkeit in ihren Staaten, die höchſte Gewalt in geiſtlichen Dingen, der gehemmte Abfluß des Geldes nach Rom, die reiche Beute der geiſtlichen Stifter, waren Vortheile, die für jeden Souverän auf gleiche Art verführeriſch ſeyn mußten; warum, könnte man fragen, wirkten ſie, nicht eben ſo gut auf die Prinzen des Hauſes Oeſterreich? Was hinderte dieſes Haus, und insbeſondere die deutſcheLinie desſelben, den dringenden Aufforderungen ſo vieler ſeiner Unterthanen Gebör zu geben, und ſich nach dem Beiſpiele Anderer auf Unkoſten einer wehrloſen Geiſtlichkeit zu verbeſſern? Es iſt ſchwer zu glauben, daß die Ueberzeugung von der Unfehl⸗ barkeit der römiſchen Kirche an der frommen Standhaftigkeit dieſes Hauſes einen groͤßern Antheil gehabt haben ſollte, als die Ueberzeugung vom Gegentheile an dem Abfalle der prote⸗ ſtantiſchen Fuͤrſten. Mehrere Grunde vereinigten ſich, die öſterreichiſchen Prinzen zu Stützen des Papſtthums zu machen. Spanien und Italien, aus welchen Ländern die öſterreichiſche


