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fuͤr ihren Ehebruch. Es iſt der frechſte, den ein bretoniſch Gericht noch erfahren hat: dem Franz von Valois hat ſie ſich ergeben wie eine Magd, ſie iſt in ſein Haus gezogen, ſie iſt bei ihm geweſen bei Tag und bei Nacht, ich fordre, bretoni⸗ ſcher Graf von Chateaubriant, gegen ſie bretoniſch Eherecht!
Alles ſchwieg. Da erhob ſich unter einer der Kapuzen eine alte, roſtige Stimme: Wer iſt der Aelteſte unter uns, daß er die Angeklagte frage? Ich lebe ſiebzig Jahre.
„Ich lebe achtzig!“ entgegnete eine tiefe Stimme, ſchauerlich klingend wie ein Ruf des jüngſten Gerichts.— „Francoiſe von Chateaubriant, geborne von Foix! Iſt die Anklage gerecht, oder iſt ſie's nicht? So ſprich, daß ſie es ſei, oder warum ſie's nicht ſei?“
Die Graͤfin, bleich und ſchoͤn, zoͤgerte mit der Ant⸗ wort nur einen Augenblick, dann ſprach ſie mit feſtem Tone: Die Anklage iſt gerecht!
Solche unbedingte Ergebung ſchien die Richter ſelbſt zu uͤberraſchen, und ein Geraͤuſch an der Bruͤckenpforte,
vor welcher draußen Gillover Wache hielt, verzoͤgerte au⸗
ßerdem das Urtheil.
Aber das Gerauſch hörte auf, und Chateaubriant, ſich mit vollem Antlitze gegen die Richter wendend, rief noch einmal: Ich fordre bretoniſch Eherecht!
Wie ein Wetterſtreich ſielen mit einem Male die Arme der Richter kreuzweis auf den Tiſch, und der Aelteſte des Gerichts wollte eben den Spruch rufen, und begann ſchon „Es geſchehe“— da unterbrach ihn ein Richter mit dem Schrei: Halt ein! Der zwoͤlfte Richter neben mir ver⸗ ſagt! Seine Arme ſind am Schwert, ſtatt auf der Tafel. Er iſt kein Bretone! 4
„Nein!“ rief dieſer mit furchtbarer Stimme, und ſprang in die Hoͤhe, ein hochgewachſener Mann, und ſchlug die Kapuze von ſeinem Haupte,„nein, es iſt kein Bretone! Es iſt Euer Koͤnig, der Euch frevelnde Seigneurs mit dem Schwerte richten wird!“
Die Verwirrung war unbeſchreiblich bei dieſer Erſchei⸗ nung Koͤnigs Franz, die bretoniſchen Seigneurs fuhren


