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tend. Die Fallthuͤr an ihrer Decke war geoͤffnet, und ſie hoͤrte zahlreiche Maͤnnertritte über das Eſtrich des Mittel⸗
geſchoſſes hinſchreiten; ſie zweifelte nicht daran, daß ihre entſcheidende Stunde gekommen ſei, und wandte ſich im
Gebet zu Gott. Waͤre ſie weniger ſtolz geweſen, ſo haͤtte die letzte Wendung ihres Schickſals wohl eine zerknirſchte Froͤmmigkeit in ihr hervorbringen koͤnnen, aber theils die Religionsanſichten, welche Bude in ihr geweckt hatte, theils der Foix'ſche Zug ihres Charakters hatten dies verhindert. Sie laͤugnete ſich nimmer, daß ſie der Barmherzigkeit Gottes beduͤrftig, aber ſie hoffte getroſt, daß ſie deren nicht unwuͤrdig ſei. Was ſie verlockt habe, ſeien ja Ei⸗ genſchaften geweſen, welche Gott ebenfalls in ſie und An⸗ dere gelegt, und wenn ihr Widerſtand nicht hinreichend geweſen, ſo moͤge ihn Gott ihrer menſchlichen Schwaͤche verzeihn und zum Theil den Wettern der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft zurechnen, welche ſich zerſtoͤrend gerade auf ihr armes Herz entladen haͤtten.
„Frangoiſe von Chateaubriant, ſteig herauf und er⸗ ſcheine vor Deinen Richtern!“ ſcholl ploͤtzlich durch die lichte Oeffnung der Fallthuͤre die Stimme des Grafen herab in ihre Finſterniß.
Sie folgte unweigerlich. Der mit Kienfackeln erleuch⸗ tete weite Raum blendete Anfangs ihr an Dunkelheit ge⸗ woͤhntes Auge, ſie erkannte nicht gleich was ſie umgab, und ſchwankte einen Augenblick. Aber ſie faßte ſich, und blickte bald mit ruhigem und beſcheidenem Blicke auf die verhuͤllten Geſtalten, welche hinter einer Tafel ſaßen. Die Tafel war inmitten des Raums, und die ihr zugekehrte Seite derſelben war frei. Dort ſtand ihr Gemahl, ſeine Fauſt auf die Tafel ſtützend und ihr das Antlitz nur halb zukehrend.
Sie fragte nicht, ſie harrte. Nach einer minuten⸗ langen Stille begann der Graf:
Dies, bretoniſche Herren, iſt die Frau, welche mir vor Gott und meinem Wappen als Gemahlin zugeſegnet wor⸗ den iſt. Sie hat ihren Schwur gebrochen, leider vor aller Welt, und es bedarf keiner Zeugen und keines Beweiſes
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