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wenn man nicht ein Mittel faͤnde, ſeinen geſunkenen mo⸗ raliſchen Muth aufzurichten. Auf der Stelle hatte der Her⸗ zog von Infantado, welcher ohnedies wie die ſaͤmmtliche Grandezza Spaniens mit der Behandlung des Koͤnigs un⸗ zufrieden und dem leidenden Ritter zugethan war, einen Reitenden nach Toledo geſendet, und dem ſpaniſchen Koͤ⸗ nige melden laſſen: er ſei in Gefahr, alle Vortheile einer ſo ungewoͤhnlichen Gefangenſchaft mit dem Gefangenen ſelbſt, der ſichtlich dem Tode entgegen gehe, zu verlieren. — Das Geruͤcht von dieſem Zuſtande hatte ſich in Madrid verbreitet, und es waren an jenem Tage alle Kirchen an⸗ gefüͤllt geweſen mit edlen Spaniern und Spanierinnen, die eingeſtandenermaaßen fuͤr den Koͤnig von Frankreich bete⸗ ten. Ganz Madrid mißbilligte das Benehmen des Kai⸗ ſers, und man erzaͤhlte ſich mit einer gewiſſen Genug⸗ thuung, daß derſelbe vor einigen Tagen einen flammenden Brief von Erasmus, dem gelehrteſten Manne in der Chri⸗ ſtenheit, erhalten habe, worin der tapfere, allen Kuͤnſten und Wiſſenſchaften ſo foͤrderſame Koͤnig Franz dem ſpani⸗ ſchen Koͤnige ſtarken Ausdruckes an's Herz gelegt, ja wor⸗ in dieſer letztere vor Europa verantwortlich gemacht wor⸗ den ſei, wenn durch ſeine Haͤrte die Welt einen aller hoͤ⸗ heren Bildung ſo guͤnſtigen Herrſcher verlieren ſollte. Vielleicht war dieſe Steigerung der beſorglichen Lage des Koͤnigs ein Grund, daß jene romantiſche Frauen⸗Er⸗ ſcheinung im Palaſte Infantado heute zum erſten Male zei⸗ tiger und deutlicher erſchien als je vorher. Das erſte Mond⸗ viertel ſtand am wolkenloſen Himmel, die Luft war unge⸗
woͤhnlich klar; der Koͤnig lehnte ermattet auf ſeinem Ruhe⸗ Laube, Chateaubriant, III. 2


