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Gefäͤngnißwaͤrter trugen ein Ruhelager hinter ihm her, und ſetzten es in's Freie, denn er war ſo abgemattet, der ſonſt ſo ungeſtüme Mann, daß er nach einigen Gaͤngen ſich immer niederlaſſen mußte. War es ein Wunder? Voͤllig vom Gluͤck verlaſſen, ein Mann, der des Gluͤckes bedurfte wie die Pflanze der Sonne bedarf, ſah er uͤberall das gelingen, was er fuͤr niedrig hielt, ſah er ungeſtraft das verachten, was ihm die Seele des Lebens war. Die Felonie Bourbons war ſiegreich, der unköͤnigliche Kaiſer — denn wie er einen ſo vertrauensvollen Gefangenen be⸗ handelte, das mußte dieſem Gefangenen unkoͤniglich er⸗ ſcheinen— ſchritt unaufhaltſam vorwaͤrts zur alleinigen Herrſchaft in Europa! Die Gemeinheit regiert die Welt, und das Ritterthum wird Chimaͤre! In dieſen Worten druͤckte er bitterlich aus, was ihm die Seele zerfraß. Dieſe Abendſtunden waren ſeit Monden ſein einziger geringer Lebensreiz; die Freunde, welche mit ihm ge⸗ fangen waren, Chabot de Brion und Anne de Montmo⸗ rency ſahen es ungern, daß er ſich ſtets um dieſe Zeit von ihnen trennte, weil ſie meinten, er ergaͤbe ſich in dieſen Stunden voͤlliger Einſamkeit noch ruͤckſichtsloſer der Sorge und Verzweiflung. Dem war aber nicht ſo: ſein überaus beweglich Herz hatte ein romantiſches Intereſſe gefun⸗ den, und zeßrte daran mit der Unbefangenheit und ge⸗ dankenloſen Hingebung eines Edelknaben. Allabendlich namlich vernahm er einen Geſang, der ihm von Blois her theuer war, eine Nomanze, die Frangoiſe oft auf dem Balkone ſeiner Schweſter geſprochen, und welchem er, da⸗ mals vom erſten, lieblichen Liebeszauber fuͤr die ſchuͤchterne


