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ſie fand es unſchicklich fuͤr ihre Stellung, gerade jetzt am bevorſtehenden Todesaugenblicke mit dem Koͤnige hinzuge⸗ hen, und den Koͤnig gewiſſermaßen nur auf eine Viertel⸗ ſtunde zu beurlauben fuͤr eine ſo heilige Pflicht! Noch mehr: des Koͤnigs alſo an den Tag gelegte Geſinnung fuͤr eine Gattin, welche ihm ſo lange treu und ergeben und auch werth geweſen war, dieſe erſchrecklich gleichguͤltige, ja liebloſe Geſinnung ſiel ihr wie ein beaͤngſtigender Nebel auf das Herz. Nicht daß ſie dabei ſogleich an ihre eigene Zukunft, welche ſich hierin ſpiegeln koͤnne, gedacht haͤtte; ach nein, ſie war noch zu hingebend in Liebe, um ihres ei⸗ genen Vortheils oder Nachtheils eingedenk zu ſein. Aber die Liebe hat einen weiten Horizont um ſich und dieſer Ho⸗ rizont iſt rein und ſchoͤn, und jede Wolke, welche aufſteigt, ſei es auch noch ſo weit ab, iſt ihr augenblicklich ſichtbar und bedrohlich, auch wenn dieſe Wolke niemals mit Regen und Sturm heraufſteigen koͤnnte. Daß Franz ſo denken und empfinden, oder vielmehr ſo gedankenlos und unem⸗ pfindlich ſein koͤnne, war fuͤr Francoiſe die Wolke, und ſie 1 erlaubte ſich zum erſten Male mit ſanften Worten anderer Meinung zu ſein als er, und abzurathen von ſeinen An⸗ or dnungen. 4
Koͤnig Franz war nicht eben eigenſinnig; er ließ ſich leicht beſtimmen, wenn er ſelbſt noch keine ausgebildete Abſicht hatte; hatte er aber eine ſolche, ſo war ſie ihm feſt und werth, wie eine Skizze dem Maler, wie das Mo⸗ dell dem Bildner, und der Vorſchlag zur Aenderung, der nicht von ſeinem Standpunkte ausging, war ihm verdrieß⸗ lich. Er wurde bei ſolcher Gelegenheit ganz Koͤnig und
Laube, Chateaubriant. II. 2


