Dabei naͤherte ſich Chimene, ein ſchlankes Maͤdchen blaſſen Ausſehens der Graͤfin, und blieb verlegen ſtehn, als dieſe, den Blick noch immer nicht von Florentin verwen⸗ dend, ſich nicht zu ihr kehrte. Ruͤhrend traurig war der An⸗ blick dieſer Chimene, deren große ſchwarze Augen ſtets in Thraͤnen zu ſchwimmen ſchienen, deren Lippen nur blaßroth waren. Ein blaßgelber Hauch lag uͤber dem edlen kleinen Antlitze mit hoher Stirn und runden Schlaͤfen, ein Hauch wie er jungen Maͤdchen eigen zu ſein pflegt, wenn ſie aus dem Maͤdchenalter in jungfraͤuliche Reife treten. Knapp ſaß ihr das ſchwarze Kleid gewoͤhnlichen Stoffes bis an den
Hals verſchloſſen, und nur der theure Schleier, die edle
Form des kleinen Hauptes, die ſchmalen laͤnglichen Haͤnde und der ſchmalſte, feinſte Fuß verkuͤndigten eine Herkunft edlen Stammes und vornehmer Lebensweiſe, welche die Glieder ſchont und verfeinert. Wie es ſchien mehr belei⸗ digt als verlegen blieb ſie einige Schritte vor der ſie noch immer nicht anblickenden Grafin ſtehn, und ſchwieg. Da offnete ſich die Thuͤr, und der Abt erſchien mit Chabot de Brion—
Brion, mein Erretter, ſchrie die Graͤfin auf, flog die⸗ ſem entgegen, faßte ihn bei beiden Haͤnden und rief wie aus tiefſter gepeinigter Seele: O, mein Gott, mein Gott, Du haſt mich nicht verlaſſen!
So gluͤcklich Brion uͤber dieſen Empfang, ſo beſtuͤrzt war der Abt und trat eilig zu Florentin, und nahm ihn zur Ruͤckſprache in die Fenſterbruͤſtung. Waͤhrend deſſen ſagte die Graͤfin haſtig mit halber Stimme zu Brion, er ſolle ſie ſogleich hinweg fuͤhren aus dieſem Hauſe, wohin es ſei


