Teil eines Werkes 
2. Band (1857)
Entstehung
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auch die kosmopolitiſche Bildung das reizende Gewand der natio⸗ nalen annehmen, und eine Poeſie mag erblühen die auf deutſches Leben gegründet iſt, wie die griechiſche auf griechiſches Leben ge⸗ gründet war. Wir aber, die wir jetzt leben, wir müſſen nach jenen Vorbildern greifen, um nur erſt einmal für unſre Nation eine Form und einen Gehalt zu erringen.

Und, ſetzte Heinrich hinzu, mögen aus dieſer geiſtigen That unſre Nachkommen praktiſche Früchte für das öffentliche Leben ziehen. Was iſt das? unterbrach er ſich auf einmal: welche nächtliche Wundererſcheinung?

Sie waren im Drang des Redens aufgeſtanden und lehnten im Fenſter, das nach den weſtlichen Anhöhen blickte. Dort tauch⸗ ten Lichter auf, erſt einzeln, dann immer mehrere, und geſtalteten ſich endlich zu einem Zuge wie von hundert Fackeln, die zuletzt den ganzen Berg einnahmen und durch das herbſtliche Laub der Bäume hinflackerten.

Ich ahne was es iſt! rief Heinrich.

Da geht eine Zeit zu Grabe, ſagte der Dichter.

Sie ſahen ſtill und unverwandt nach dem Berge hin; da klopfte es ſacht an der Thüre und der Hausbeſitzer trat ein, mit der Frage ob ſie den Leichenzug des Herzogs ebenfalls gewahr würden? Es iſt mir nur ſonderbar, fuhr er fort: das iſt die Straße die bon der Solitude herunterführt, und ich weiß doch daß der Herzog in Hohenheim, in der Meierei, geſtorben iſt.

Seltſam! verſetzte Heinrich: ſollte er denn befohlen haben nach ſeinem Tod auf die Solitude gebracht zu werden?

So viel iſt wenigſtens gewiß, war die Antwort, daß man den Hohenheimer Weg von hier aus gar nicht ſehen kann.

Der Fackelzug war inzwiſchen unten an der Biegung des Berges angekommen, wo er nach und nach verſchwand. Sie war⸗ teten noch lang um ihn näher auf der ebenen Straße wieder auf⸗ tauchen zu ſehen, aber vergebens. Als ſie am andern Tage nachforſchten, waren ſie nicht wenig erſtaunt zu vernehmen daß die