Teil eines Werkes 
2. Band (1857)
Entstehung
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Leiche des Herzogs wirklich um dieſelbe Stunde mit Fackeln von Hohenheim herab nach Ludwigsburg geführt worden ſei; ſie un⸗ terſuchten die Richtung des Fenſters und fanden daß ſie ſich über die Straße nicht hatten täuſchen können, ſo daß ſie den Anblick zuletzt einer wunderbaren Luftſpiegelung zuzuſchreiben geneigt waren. Auch andere hatten denſelben Anblick gehabt, und es wurde noch lang in Stuttgart davon geſprochen, daß viele Men⸗ ſchen aus ähnlich gelegenen Standpunkten den Leichenzug des Her⸗ zogs in jener Nacht die Straße von der Solitude herunterkommen geſehen haben.

Ein Wagen hielt in der Straße die am Ludwigsburger Schloſſe vorüberführt. Zwei Männer in Mänteln kamen die Straße herauf und waren im Begriffe in den Wagen zu ſteigen.

Dort haben ſie ihn hingebracht, erwiderte Heinrich auf die ſtumme Gebärde des Dichters, der die Hand aus dem Mantel hervorſtreckend nach dem Schloſſe deutete.

Komm, ſagte dieſer, laß uns, eh wir heimkehren, noch eine ſtille Feier begehen.

Sie hießen den Wagen warten und gingen über den weiten

Platz nach dem Schloſſe. Auf ihr Begehren erſchien ein Mann

mit einer Leuchte. Er führte ſie durch lange Gänge in die Ka⸗ pelle; dort ſchloß er ihnen eine Thüre auf, und ſie ſtiegen die halberhellten Stufen hinab in ein Gewölbe, wo eine kleine Reihe von Särgen ſtand. Ein neuer war darunter, von geweihten Kerzen umgeben. Sie ſtellten ſich zu ſeinen beiden Seiten und blickten ſtumm auf ihn nieder; ſie ſahen einander nicht an und jeder ehrte des andern Empfindung.

Endlich reichten ſie einander ſchweigend die Hände und ſtiegen wieder aus der Gruft empor. Als ſie die Kapelle verlaſſen woll⸗ ten, begegnete ihnen in der Thüre eine verſchleierte Frau, in einen aſchgrauen Mantel gehüllt, unter dem ſie eine Blendlaterne zu