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heit, und auf dieſes ſind wir deutſche Poeten auch einzig ange⸗ wieſen, denn wie ſollten wir die Schule der Nationalität, die jenem glücklichen Volke gegönnt war, in unſern öffentlichen Zu⸗ ſtänden finden? Ich habe mir jetzt zwar einen nationalen Stoff gewählt; aber die Quellen ſind unendlich leblos, ſie athmen nicht den Geiſt der dem Griechen aus ſeiner Geſchichte entgegen kam, der ſogar den Schweizer aus ſeinen Chroniken anweht. Und wie unſre Tragödie keinen feſten Boden unter ſich hat, ſo fehlt es auch am Himmel über ihr. Der chriſtliche iſt nicht ppetiſch. Die Schickſalsidee aber, die uns die Alten überliefert haben, iſt für uns doch nur eine Form die des erfüllenden Inhalts bedarf. Wenn das Wort nicht ſo vieldeutig wäre, ſo würd' ich ſagen, wir Neueren müſſen die Politik an die Stelle des Schickſals ſetzen.
Ich glaube dich zu verſtehen, ſagte Heinrich. Was die Alten unter ihrem Schickſal gemeint haben, das iſt ein Fernes, Un⸗ bekanntes und darum auch Leeres. Uns dagegen iſt, ſeitdem die vereinzelte Nationalgeſchichte ſich zur Geſchichte der Menſchheit er⸗ weitert hat, ihr unſichtbarer Inhalt näher getreten und greifbarer geworden, und an ihm haben wir, ſollte ich meinen, ein viel größeres tragiſches Element gewonnen, wenn unſre Dichter jene Macht darſtellen, welche Staaten erhebt oder ſtürzt, die Siege der Gewalt und Liſt in Niederlagen verwandelt und den Kämpfer für die Sache der Menſchheit im Untergehen verklärt.
Das iſt es! rief der Dichter lebhaft, das iſt es was ich meine: das Schickſal als eine politiſche, geſchichtliche, göttliche Macht dargeſtellt. Nur iſt leider in poetiſchen Dingen mit der Einſicht ſo gut wie gar nichts gethan. Dazu gehört noch etwas ganz anderes: eine ſchöpferiſche Kraft und eine ſchöpferiſche Zeit. Die Zeit muß ſelbſt wieder einmal einen ungeheuren politiſchen Umſchwung, davon wir jetzt kaum den rohen Anfang geſehen haben, erleben; dann kann erſt die Poeſie dieſer Erlebniſſe ſich bemächtigen. Deßhalb wird die poetiſche Aufgabe immer größer, immer ſchöner und immer ſchwerer werden. Wohl mag dann


