Teil eines Werkes 
1. Band (1857)
Entstehung
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VIII

wenig mehr als Hünengräber, Burgtrümmer, und da und dort eine

ſtumme Schwedenſchanze; ihm aber hatte jeder Stein auf der Haide eine Mär' zu erzählen, Wälder und Flüſſe rauſchten ihm zuvor⸗ kommend ihre Geheimniſſe zu, die Geſchichte quoll ihm über die Schwelle ins Haus. Ja, ganze Schichten von Sagen waren auf dieſem reichen Boden abzuheben: am Fuße jenes Hügels an den ſich die Schlachtordnung des Regenten lehnte hatte einſt Wallace gefochten, über jene Brücke welche die Leute des Prätendenten be⸗ ſetzten war Claverhouſe mit ſeinen wilden Dragonern geſprengt. Keine von dieſen Begebenheiten wurde über der ſpäteren vergeſ⸗ ſen, alle lebten ſie im Munde des Volks, mit gleicher Liebe und Eiferſucht gehegt, denn ſie hatten alle daſſelbe nationale Intereſſe: der ununterbrochene, in immer neuen Formen wieder aufflam⸗ mende Kampf mit dem endlich ſiegreichen Nachbar, die poetiſch begabtere Nation, die ſich mit ihrem Schmerz und Stolz in die Erinnerung flüchtet, das macht die ſchottiſche Geſchichte ſo beredt!

Unſre Geſchichte lebt nicht im Volke nach, ſie lebt faſt nur auf dem Papier. Iſt der poetiſche Sinn geringer im deutſchen Volke als im ſchottiſchen? ich glaube nicht, er iſt vielleicht nur weniger redſelig. Oder hatten wir nicht ſo lange und tiefe Rei⸗ bungen, durch Stammsverſchiedenheit zugleich und Stammsver⸗ wandtſchaft hervorgerufen? denn ſolche Kriege ſind es die den nachhaltigſten Eindruck hinterlaſſen. An tiefeinſchneidendem und

verhängnißvollem Hader zwiſchen den einzelnen Stämmen hat es

uns gewiß nicht gefehlt, von den alten Feindſeligkeiten der Sachſen und Franken an bis zum öſtreichiſch⸗preußiſchen Dualismus; aber unſre Zerwürfniſſe, ob wir als Hammer oder Ambos aus ihnen hervorgingen, blieben nicht auf den engen Rahmen beſchränkt, in welchem ſich heimiſche Ueberlieferungen am beſten erhalten: viel⸗ mehr führten ſie europäiſche Verwicklungen und grunderſchütternde Stürme herbei, in deren breiter Maſſenhaftigkeit die geſchichtlichen Bilder, die das Gemüth des Volkes auffaſſen kann, immer wieder

untergingen. Manche der bedeutendſten Perioden unſrer Geſchichte