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zuziehen, und von mancher bedeutenden Periode ſind nur ver⸗
einzelte Züge, todte Thatſachen übrig, aus welchen Auge und
Antlitz ihrer Zeit nicht mehr ſicher zu errathen iſt. Hier bleibt denn ein großes dunkles Gebiet zu durchforſchen, in das kein an⸗ deres Licht zu dringen vermag als das Licht der Poeſie, aber nicht zu willkürlichen Spielereien, nicht zu ſchaler Unterhaltung müßiger Köpfe und leerer Herzen, ſondern im Dienſt der Ge⸗ ſchichte. Der Dichter hat ein großes Vorbild, den unbewußten Geiſt der Völker, der ihm hievin vorgearbeitet hat: ich meine jene Sagen welche ſeit Jahrtauſenden neben der Heerſtraße der Anna⸗ len auf grünen Auen geheimnißvoll emporgeſchoſſen ſind. In mißverſtandener, oft falſcher Abſpiegelung der Begebenheiten ſagen ſie uns das eigentliche Was und Warum der Geſchichte und legen uns die Räthſel der Menſchheit wunderbar gelöst vor Augen, un⸗ bekümmert um die Richtigkeit des Unweſentlichen, denn im Dienſt der Wahrheit zu lügen iſt das holde Vorrecht der Poeſie. Für die neuere Geſchichte, welche des Wunderbaren und Fabelhaften genug beſitzt um keiner Mythen zu bedürfen, ſind an ihre Stelle die Denkwürdigkeiten getreten, Quellen welche dem Hiſtoriker eben ſo viele Geheimniſſe eröffnen und eben ſo vorſichtig von ihm be⸗ nützt werden müſſen. Dem Dichter aber geben beide den beſten Stoff zu ſeinen Geweben.
Dem einzigen Walter Scott war das große Verdienſt vor⸗
behalten, der Dichtung eine neue, reiche Fundgrube zu ſchenken,
und gewiß gibt es für den Dichter im ganzen Kreiſe ſeines Schaf⸗ fens keine ſchönere Aufgabe als den Beruf ſich neben den Geſchicht⸗ ſchreiber zu ſtellen und ſeinen grauen Umriſſen Farbe und Leben zu leihen. Die Zeit des hiſtoriſchen Romans iſt keineswegs vor⸗ über; vielmehr hoffe ich daß derſelbe in Deutſchland, wo er von Anfang an das beſte Verſtändniß fand, erſt noch ſeine rechte Höhe erreichen und ſogar von der Hiſtoriographie als ihr nothwendiger Genoſſe anerkannt werden ſoll. Er hat ihre Lücken auszufüllen:
man prangt ſo viel mit Befriedigung von„längſt gefühlten Be⸗
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