Teil eines Werkes 
1. Band (1858)
Entstehung
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Feenland ihrer Gedanken. Dieſe Empfindung gewann nach und nach die Oberhand über alle andern, und es kam ſo weit, daß, wie man nachher erfuhr, Apollonia eines Abends heimlich ihre paar Habſeligkeiten zuſammenſchnürte, um nach Hauſe zu fliehen. Aber die Furcht vor der Strenge ihres Vaters machte, daß ſie ihren Entſchluß wieder aufgab und das Bündelchen aus einander riß. Es ſcheint jedoch, daß ſie von dieſem Augenblicke an nicht mehr recht bei ſich geweſen ſei. Die vielen Anſtrengungen, die ihr die Pflege des Kindes verurſachte, der Kummer bei Tag und die ſchlafloſen Nächte untergruben ihre von Natur zarte Geſund⸗ heit; der Drang nach der Heimath, der immer wilder und hef⸗ tiger wurde, während ſie doch nicht den Muth hatte ihm zu fol⸗ gen, zerrüttete ihren Geiſt. Sie ſah das Kind, deſſen tägliches Leiden ihr im innerſten Herzen weh that, doch als die Urſache ihres ganzen Elends an. In ihren ungeordneten Gedanken fiel ſie darauf, wenn das Kind ſtürbe, ſo würde ihre Herrſchaft ſie als unnütz nach Hauſe ſchicken. So ſcheint es, daß nach und nach, nur wie dämmernd, der Wunſch in ihr aufgeſtiegen ſei, es möchte das Kind und mit dem Kinde ſie ſelbſt erlöst werden.

Ja, ſiel die Alte wieder ein, und wenn ſie noch ein Woche⸗ ner zwo gewartet hätte, ſo wäre das auch von ſelber geſchehen, denn das Kind hätte keine vierzehn Tage mehr gelebt; das hab' ich ſeinen eigenen Vater nachher mehr denn einmal ſagen hören. Aber wenn's einmal mit einem Menſchen hinunter will, ſo iſt der Teufel gleich bei der Hand und hält ihm die Leiter dazu.

Da hat Ihr Mund ein ſehr wahres Wort geſprochen, ſagte der Buchdrucker mit feierlichem Ernſt. So ging es auch bei der armen Apollonia; denn in dem unglückſeligen Gemüthszuſtande, von dem ihre Herrſchaft keine Ahnung hatte, wurde ſie eines Tages, da eben Beſuch im Hauſe war, in die Schenke geſendet, um eine Flaſche Wein zu holen.