Teil eines Werkes 
1. Band (1858)
Entstehung
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winzigen Staates mit dem größeren; wir aber fuhren fort, uns in der Empfindungsweiſe von Mediatiſirten zu gefallen, obgleich und vielleicht eben weil wir die letzten Tage der Reichsunmittel⸗ barkeit nicht mit erlebt hatten. Dieſe reichsſtädtiſche Romantik wurde genährt durch den Familiengeiſt, der uns in einzelnen überlebenden Erſcheinungen die ganzegute alte Zeit erſchauen ließ. Was an ier Zeit Gutes geweſen war, hatte faſt aus⸗ aehört. Das wußten wir nicht, aber amilienbräuche ihr Schönes hatten, daß die Fa. e ehrwürdig waren, und aus dieſen enenenbg nnennen bauten wir uns die geſammte Vergan⸗ genheit in einem verklärenden Lichte auf.

Wie konnte ich an der Ehrwürdigkeit einer Zeit zweifeln, aus welcher mein Großvater ſtammte, ein zu Anfang der zwanziger Jahre mehr als achtzigjähriger Greis, der noch unter Kaiſer Karl VI. geboren war! Wer ihn ſah, pflegte zu ſagen, ſo müſſe Jo⸗ hannes ausgeſehen haben, als er ſeinenKindlein nur noch die Liebe predigte. Er hieß auch Johannes, und war liebreich wi E Greiſenkopf mit langen ſilberweißen Haaren, das rothwangige Ge, dt voll Freundlichkeit, ſein ganzes Weſen ohne Arg und Falſch. Wie konnten mir die Vorzüge eines reichsſtädti⸗ ſchen Rathes fraglich ſein, in welchem der alte Glockengießermeiſter geſeſſen hatte! Mußte mich doch ſchon die Achtbarkeit überzeu⸗ gen, die von ihm auf ſeine ganze Familie ausgefloſſen war, gar nicht als ob ſie für reich gegolten hätte, denn da ſie gerade ſo groß war wie die Kinderzahl des Erzvaters Jakob, ſo ging ſein mäßiger Wohlſtand in ſehr kleine Theile, auch nicht weil kein Makel auf ihr ruhte, denn es gab noch andere unbeſcholtene Leute genug, die uns bei aller bürgerlichen Gleichheit doch um einen leiſen Grad nachſtanden, wie auch wir unſererſeits wie⸗ der an den Familien von Geblüt, nämlich vom Blute der letzten