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Raphael : eine Liebesgeschichte / von Alphonse de Lamartine ; deutsch von Dr. Scherr
Entstehung
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105.

Ddie Art Unmöglichkeit, ſogleich an das völlige Verſchwinden eines heißgeliebten Weſens zu glauben, iſt etwas Merkwürdiges und ein Glück für die menſch⸗ liche Natur.

Von den um mich her zerſtreuten Zeugniſſen ihres

Todes umringt, konnte ich doch noch nicht glauben, daß ich auf immer von ihr getrennt ſei. Ihr Gedanke, ihr Bild, ihre Züge, der Ton ihrer Stimme, der eigen⸗ thümliche Geiſt ihrer Worte, der Zauber ihres Antlitzes waren mir unaufhörlich ſo gegenwärtig und, ſo zu ſa⸗ gen, ſo einverleibt, daß mir war, als ſei ſie mehr als je hier, als umgebe ſie mich, als rede ſie mit mir, als nenne ſie mich beim Namen und als würde ich, wenn ich aufſtünde, ſie wieder ſehen und zu ihr hintreten können. Es iſt dieß ein Zwiſchenraum, den Gott zwi⸗ ſchen die Gewißheit des Verluſtes und das Gefuͤhl der Wirklichkeit legt, wie ein ſolcher bei den Sinnen wäh⸗ rend der Zeit ſtattfindet, wo das Auge das Beil an den Stamm des Baumes fallen ſieht, bis das Ohr den Schlag lange nachher erdröhnen hört. Durch die Täu⸗ ſchung dämpft ſomit dieſer Zwiſchenraum das Uebermaaß des Schmerzes. Noch einige Zeit nachdem man ein eliebtes Weſen verloren, hat man es nicht ganz ver⸗ oren; man lebt von der Verlängerung dieſes Daſeins in ſich ſelbſt. Man empfindet Etwas, das der Em⸗ pfindung des Auges zu vergleichen iſt, wenn es lange nach der untergehenden Sonne geſchaut hat. Obwohl das Geſtirn am Horizonte verſchwunden iſt, ſeine Stra⸗ len ſind in unſern Augen noch nicht untergegangen; ſie erglänzen noch lange in unſerer Seele. Erſt allmälig, wenn die Eindrücke erlöſchen, erkalten und in Folge deſſen beſtimmter hervortreten, kommt man dazu, die völlige Trennung zu fühlen und ſich ſagen zu können: Sie iſt in mir geſtorben! Denn nicht der Tod, ſondern das Vergeſſen iſt eigentlich der Tod!

Während dieſer Nacht fühlte ich dieſes Phäͤnomen