Druckschrift 
Raphael : eine Liebesgeschichte / von Alphonse de Lamartine ; deutsch von Dr. Scherr
Entstehung
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Ich tauchte mich in dieſe Schatten und in dieſes Licht, in dieſes Gewölke und in dieſe Wellen; ich ver⸗ leibte mich dieſer Natur ein und glaubte mich auch dem Bilde Der einzuverleiben, welche dieſe ganze Natur für mich war. Ich ſagte zu mir:

Dort habe ich ſie geſehen! In dieſer Entfernung befand ich mich von ihrem Nachen, als ich gewahrte, wie er mit dem Sturm kämpfte. An dieſem Geſtade landete ſie! In jenem Baumgarten dort überließen 4 wir uns mit einander im Sonnenſchein jener langen, vertraulichen Herzensergießung, durch die ſie zum Leben zurückkehrte, um mir zwei Leben zu geben! Dort ragen in der Ferne die Wipfel der großen Pappelallee hervor, welche ſich wie eine grüne, dem Waſſer entſteigende Schlange fortrollt! Dort ſind die Sennhütten, die Grasplätze, die Kaſtanienwälder, die Hohlwege auf den letzten Flächen der Berge, wo ich die Blumen, die Erdbeeren, die Kaſtanien pflückte, mit der ich ihre Schürze füllte! Hier hat ſie mir Dieſes geſagt; dort habe ich ihr jenes Geheimniß meiner Seele anvertraut; anderswo blieben wir einen ganzen Abend durch in Schweigen verſunken, die Augen der untergehenden Sonne zugewandt, das Herz in Begeiſterung ſchwim⸗ mend, der Mund lautlos. Dort auf jener Woge wollte ſie ſterben. An dieſem Geſtade gelobte ſie mir, zu leben. Unter dieſer damals entblätterten Gruppe von Nuß⸗ bäumen ſagte ſie mir Lebewohl und verſprach, ich ſollte ſie wieder ſehen, bevor die neuen Blätter gelb würden! Jetzt fangen ſie an, gelb zu werden. Aber die Liebe iſt ſo treu, wie die Natur. In wenig Tagen werde ich ſie wieder ſehen.... Ich ſehe ſie ſchon, denn bin ich nicht ſchon hier, um ſie zu erwarten? Und iſt ein ſolches Warten nicht ſchon Wiederſehen?