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6.
Ich brachte meine Vormittage in meinem Zimmer mit einigen Büchern zu, die mein Freund mir von Cham⸗ bery ſandte. Nachmittags ſchlenderte ich allein in der wilden Alpennatur und an den Bergen umher, welche nach Italien hin das Thal von Air einſchließen. Von Müdigkeit zerſchlagen, kam ich Abends heim, ſetzte mich zur Abendtafel, zog mich in mein Zimmer zurück und lag noch Stunden lang, den Kopf auf den Ellbogen geſtützt, unter meinem Fenſter. Ich betrachtete das Firmament, das die Gedanken der Seele an ſich zieht, wie der Abgrund Den, der ſich über ihn hinlehnt, als hätte er ihm Geheimniſſe zu enthüllen. In dieſem Meer von Gedanken, auf welchem ich kein Ufer ſuchte, ſchlief ich dann ein und erwachte, wenn die Sonne mir ihre Stralen in's Zimmer ſandte. Das Murmeln der warmen Quellen rief mich in's Bad und nach dem Frühſtück unternahm ich immer wieder meinen Spazier⸗ gang und immer war die Schwermuth mein Begleiter, wie Tags zuvor.
Zuweilen gewahrte ich Abends, wenn ich über mein nach dem Garten gehendes Fenſter lehnte, einige Schritte von dem meinen ein anderes offenes, durch ein Licht erhelltes Fenſter und eine weibliche Geſtalt, die gleich mir ihren Kopf auf den Ellbogen ſtützte und zuweilen mit der Hand ſich die langen, ſchwarzen Flech⸗ ten ihrer Haare aus der Stirne ſtrich, um ebenfalls den vom Mond erleuchteten Garten, die Berge und das Firmament zu Piidchtrr
In dieſem Helldunkel unterſchied ich nur ein reines, blaſſes, zartes Proſil, das ſchwarze Wellen eines feinen, an den Schläfen glattliegenden Haares einfaßten. Das
Geſicht zeichnete ſich auf dem hellen Hintergrunde des
durch die Lampe im Zimmer erleuchteten Fenſters deut⸗ lich ab. Zuweilen hatte ich auch den Ton einer weib⸗ lichen Stimme vernommen, welche einige Worte ſprach


