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Raphael : eine Liebesgeschichte / von Alphonse de Lamartine ; deutsch von Dr. Scherr
Entstehung
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herabregnen. Die Nebel lagerten gleich gewaltigen nächtlichen Ueberſchwemmungen bis gegen Mittag auf allen Betten des Thales und ließen ſich nur von den halbeingehüllten Wipfeln der höchſten Pappeln in der Ebene, von den gleich Inſeln emportauchenden Hügeln und den Gebiraszacken überragen, die Vorgebirgen oder Klippen auf einem Ocean glichen. Stand die Sonne hoch am Himmel, ſo fegten die lauen Windſtöße des Föhns all dieſen Schaum von der Erde weg. Solche Windſtöße, die ſich in den Schluchten dieſer Berge verfingen und an dieſen Felſen, über die Gewäſſer und Bäume hinſtreiften, veranlaßten ein wohlklingendes, wehmüthiges, melodiſches, mächtiges oder kaum ver⸗ nehmbares Geflüſter, das in einigen Minuten die ganze Tonleiter der Wonnen, der Kräfte oder der Schauer der Natur zu durchlaufen ſchien. Die Seele ward bis in den Grund davon bewegt. Dann erſtarben ſie wie Unterredungen himmliſcher Geiſter, die vorbeigezogen ſind und ſich entfernt haben. Ein Schweigen, wie das Ohr es nirgends anderswo findet, folgte darauf und dämpfte ſogar das Geräuſch jedes Athemholens. Der Himmel nahm ſeine faſt italieniſche Reinheit wieder an. Die Alpen ſchwammen im unendlichen und uner⸗ gründlichen Firmamente; die vom Morgennebel gebil⸗ deten Tropfen fielen tönend auf das welke Laub oder funkelten auf den Wieſen. Dieſe Stunden waren kurz. Die blauen und kühlen Schatten des Abends glitten raſch herbei und breiteten ſich als Sargtuch über dem Horizonte aus, der kaum die letzten Sonnenſtralen ge⸗ noſſen hatte. Die Natur ſchien zu ſterben, aber wie Jugend und Schönheit ſterben, in all ihrer Anmuth und in all ihrer Reinheit.

Eine ſolche Gegend, eine ſolche Jahrszeit, eine ſolche Natur, eine ſolche Jugend und ein ſolches Schmach⸗ ten aller Dinge um mich her war ein wunderbarer Zuſammenklang mit meinem eigenen Schmachten. Es ward geſteigert durch alle dieſe Reize. Ich verſank in tiefe Traurigkeit. Allein dieſe Traurigkeit war lebendig