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Raphael : eine Liebesgeschichte / von Alphonse de Lamartine ; deutsch von Dr. Scherr
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genug und bot der Seele der Gedanken, der Eindrücke, der innigen Beziehungen zur Unendlichkeit und des Helldunkels genug, um mich ihr gern zu überlaſſen. Sie iſt eine Krankheit des Menſchen, aber eine Krank⸗ heit, deren Empfindung ſogar, ſtatt ein Schmerz zu ſein, ein Reiz iſt, und in welcher der Tod einer wol⸗ lüſtigen, in der Unendlichkeit ſchwindenden Ohnmacht gleicht. Ich war entſchloſſen, mich ihr künftig ganz hinzugeben, mir jede Geſellſchaft, die mich davon zer⸗ ſtreuen konnte, vom Hals zu ſchaffen, mich in Mitte

der Welt, die ich hier antreffen würde, in Schweigen,

Einſamkeit und Kälte zu hüllen, meine geiſtige Ver⸗ einzelung war ein Sargtuch, durch welches ich die Menſchen nicht mehr ſehen wollte, ſondern nur noch die Natur und Gott.

Auf der Durchreiſe in Chambery hatte ich meinen Freund Ludwig von*r geſehen. Ich hatte ihn in der gleichen Stimmung gefunden, in der ich mich ſelbſt befand; die Lippe mit Eckel von dem bittern Kelch des Lebens abgewandt, der Geiſt ſchlummernd, die Seele in ſich ſelbſt zurückgezogen, der Körper vom Denken ermüdet.

Ludwig hatte mir ein vereinzelt ſtehendes, ruhiges Haus im obern Theile des Städtchens Air bezeichnet, wo man Kranke in Koſt und Wohnung nehme. Dieſes Haus, das durch einen guten alten, zurückgezogen lebenden Arzt und deſſen Frau gehalten ward, hing mit der Stadt nur durch einen ſchmalen Fußweg zuſammen. Dieſer ſtieg zwiſchen den Bächen der warmen Quellen hinan. Der hintere Theil des Hauſes ging nach einem Garten, der von Reblauben und einem bedeckten, nach der einen Seite offenen Gange umgeben war. Weiter⸗ hin führten Wieſenabhänge und Wälder von Kaſtanien⸗ und Nußbäumen über Grasplätze und Schluchten, wo man ſicher war, nur Ziegen anzutreffen, an die Berge hinauf.

Ludwig hatte mir verſprochen, einen Aufenthalt in Aix mit mir zu machen, ſobald er noch einige