Jahrgang 
2
Einzelbild herunterladen

mir nehmen r, wenn Sie kommt— Heinrich ſie mmillienrath.

am

— 565—

Das Anerbieten war verlockend, Roſa hatte ſchon längſt im Stillen den Wunſch gehegt, einmal in die Welt hinaustreten zu dürfen.

„Ich würde Ihnen jährlich ein Gehalt von hundertundfünfzig Thaler zahlen,“ fuhr Heinrich fort, dem der günſtige Eindruck ſeiner Worte nicht entging,„abgeſehen von den Geſchenken.“

Hundertundfünfzig Thaler! So viel konnte Roſa mit ihren Handarbeiten nicht verdienen.

„Je nachdem die Verhältniſſe ſich geſtalten, würde ich mich ſogar dazu verſtehen, Ihrem Vater eine beſſere, ſelbſtſtändigere Stellung zu verſchaffen, und wenn Sie ſpäter heirathen wollen, ſoll's an einer vortrefflichen Ausſteuer von meiner Seite nicht fehlen.“

„Aber iſt denn das wirklich Ihr Ernſt?“ fragte Roſa, die für ihre Ueberraſchung kaum Worte finden konnte.

„Mein voller Ernſt.“

„Und dafür hätte ich weiter nichts zu thun, als—“

„Die Aufſicht über das Dienſtperſonal zu führen.“

„Ich fürchte, ich bin zu jung dazu.“

„Dieſe Furcht iſt unbegründet, mein Fräulein, wer ſich Ihren Anordnungen nicht fügen will, wird entlaſſen. Sie ſind die Herrin in meinem Hauſe, auch dann, wenn meine Frau zurückgekehrt iſt, und ich will Niemanden rathen, an Ihrer Autorität zu rütteln.“

In Nachdenken verſunken blickte Roſa ſchweigend auf die Stickerei, die vor ihr lag.

Mit ihrem frommen Gemüth und ihrer reinen tugendhaften Seele ſah ſie den Abgrund nicht, an den dieſer reiche, ſelbſtſüchtige Mann ſie führen wollte.

„Aber werden die Leute nicht darüber ſprechen, wenn ich, das arme Mädchen aus dem Volke, ſo plötzlich zu dieſem Vertrauens⸗ poſten erhoben werde?“ fragte ſie.

„Mögen die Leute reden, was kümmert es uns!“ entgegnete Heinrich achſelzuckend.„Neid und Mißgunſt werden allerdings mit ihrer giftigen Zunge über Sie herfallen, wenn Sie einmal Sammt und Seide tragen, aber—“

„Sammt und Seide?“ unterbrach Roſa ihn raſch.„Das würde ich nie thun, ich würde ſchlicht und beſcheiden bleiben, wie bisher.“

Heinrich lächelte ironiſch; er holte das Etui aus ſeiner Taſche, öffnete es und ſtellte es auf die Stickerei.

„Ich bitte, nehmen Sie dieſes kleine Geſchenk,“ ſagte er,„es möge Ihnen beweiſen, wie glücklich es mich macht, meinen Vor⸗ ſchlag angenommen zu ſehen.“

Beſtürzt blickte Roſa bald das funkelnde Armband, bald den reichen Herrn an.