Sie wußte ja nicht, wie drüben die Dinge lagen, ſie ver⸗ muthete, Otto erwidere die Liebe Valerie's, und in dem Schweigen des Geliebten fand ſie eine Beſtätigung dieſer Vermuthung.
Otto glaubte ſich vielleicht gebunden dadurch, daß er der Tante Thereſe Eröffnungen gemacht hatte; möglicherweiſe hatte er ſelbſt Valerie und deren Vater bewogen, dieſen Schritt zu thun, um Eugenie zu bewegen, freiwillig zurückzutreten.
Wie dem auch ſein mochte, Eugenie ſagte ſich, daß ſie kein Recht habe, zwiſchen die Beiden zu treten und in dieſem Sinne beantwortete ſie den Brief Valerie's.
Sie ſaß noch am Schreibtiſch, als Tante Thereſe zurückkehrte.
Was drüben zwiſchen der Mutter Otto's und der Tante vor⸗ gefallen war, las Eugenie augenblicklich in den Zügen der letzteren; ſie wußte, daß ein heftiger Wortwechſel ſtattgefunden hatte, noch ehe Tante Thereſe Bericht erſtattete.
„Und was haſt Du dadurch erreicht?“ fragte ſie, bedenklich das Köpfchen ſchüttelnd, als die Tante berichtet hatte.„Weiter nichts, als die Feindſchaft dieſer Frau—“
„Ich habe ihr wenigſtens die Wahrheit geſagt,“ unterbrach Tante Thereſe ſie triumphirend,„mir hat's lange auf der Seele gelegen, ihr einmal zu ſagen, was ich von ihrem dünkelhaften Hochmuth halte, nun iſt es herunter, ſie weiß jetzt, daß ſie bei mir mit ihrer Prahlerei nicht mehr ankommt. Du ſchreibſt ſchon an Fräulein Michelet?“
„Ja.“
„Was, wenn ich fragen darf?“
„Daß ich durchaus keine Anſprüche auf Otto geltend machen kann.“
„Ah— das darfſt Du nicht. Ich weiß ſehr wohl, daß Du von Otto nicht laſſen kannſt, weshalb—“
„Mein Entſchluß ſteht feſt,“ entgegnete Eugenie ruhig,„ich will nicht zwiſchen die Beiden treten, Otto iſt an mich nicht ge⸗ bunden; wenn er in dieſer Verbindung ſein Glück findet, welches Recht habe ich, ihm daſſelbe zu rauben? Ich leugne es nicht, daß die Entſagung mir unſagbar ſchwer fällt, aber ich kann nicht anders handeln, wie ich handle, und ſo thue ich denn, was mein Gewiſſen mir gebietet und vertraue auf den lieben Gott, der ja allein weiß, was uns Allen gut iſt.“
Tante Thereſe zuckte ſchweigend die Achſeln, es lag in dieſer Geberde ein energiſcher Proteſt gegen die Anſicht Eugenie's und zugleich auch der Vorſatz, dieſen Proteſt durch Thaten zu beweiſen.
Sie ging in ihr Zimmer und ſchrieb ebenfalls einen Brie, — nicht an Michelet, ſondern an Otto, dem ſie das Vorgefallene ausführlich mittheilte.
Dieſer Brief ging gleichzeitig mit der Antwort Eugenie's ab;
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