56. Kapitel.
Ein verhängnißvoller Brief.
Es war Mac Mahon gelungen, ſeine zerſtreuten Truppen zu
ſammeln. Unbehelligt von den Deutſchen beſetzte er die Feſtun⸗
gen Toul, Verdun, Thionville und all die übrigen in dieſem Theile Frankreichs und ſchuf den Feinden eine ganze Kette von Hinderniſſen auf ihrer Siegesbahn. Mit der Hauptmacht aber zog er ſich auf Napoleon's Befehl zurück. Die Zeitungen nannten das eine Konzentration nach rückwärts. Louis Napoleon war am ſechszehnten Auguſt aus Metz nach Verdun geflohen, wobei er faſt den Deytſchen in die Hände gefallen wäre. Es war dem Kaiſer lieb, die belgiſche Grenze ganz nahe zu haben, denn er traute inen eigenen Umerthanen nicht. Durch ein überaus ſchlau er⸗ fundenes Regierun yſtem hatte er die Franzoſen ſchlechter und ſchlechter gemacht. Bei ihnen galt nicht mehr der grade Weg als der Beſte, ur und Eigennutz führten zu Aemtern und Eh⸗ renſtellen. Den Chrlichen war jeder Weg verſchloſſen, doch wer ſich für Geld erkaufen ließ, der wurde befördert. In die Stelken der höchſten Richter, der Räthe, der Senatoren ſetzte der Kaiſer lauter feile und ehrloſe Geſellen, denen nichts an der Würde ihres Amtes noch an der Reinheit ihres Gewiſſens lag und Alles an Genuß, Wohlleben und Reichthum. Dieſe Menſchen kannten ſich untereinander und verachteten ſich gegenſeitig, ſie begegneten ſich vor der Welt mit allen Zeic en der Ehrerbietung und tröſteten ſich im Geheimen mit dem Gedanken, daß ſie nicht aM Schufte waren, ſondern viele Ihresgleichen hatten.
So verderote der Schlechteſte von Allen ſeine Untergebenen, machte ſie ſittenlos und raubte ihnen den Begriff von Ehren⸗ haftigkeit, der jedem anſtändigen Manne die Richtſchnur für ſeine Handlungen abgeben ſoll. Und zwanzig Jahre lang trugen die
Franzoſen dieſes unwürdige Joch, zwanzig Jahre lang ſahen ſie


