412
wo Karchemiſch ſich an den Ufern beider Ströme hinſtreckt; dort⸗ hin, wo hinter dem Häuschen der Euphratvorſtadt am Ende des Gartens ein kleiner Grabhügel ſich wölbt.... Vergißt ein Mut⸗ terherz des Kindes, auch wenn es unter dem Raſen der Erde ruht? Patrika hatte es nie geſehen, auch nicht einen Augenblick auf ſeinem Arme getragen, aber ſeine Seele verlangte danach, den Reſten des kleinen Körpers einmal nahe, ſo nahe zu ſein, wie die Scheidewand, die zwiſchen Leben und Tod ſteht, es geſtattet. So zog Mirjam zum dritten Male durch die ſchreckensvolle Wüſte; aber ihren Patrika zur Seite und das Grab ihres Kindes vor Augen, waren für ſie alle Beſchwerden, alle Mühſale leicht zu er⸗ tragen. Sie gelangten glücklich dahin, wohin ihr Sehnen gegan⸗ gen, und ſtanden endlich an dem wohlerhaltenen kleinen Hügel, von Myrthenbüſchen umſchattet, von den Wogen des Euphrat um⸗ ranſcht, vom klingenden Geſang der Nachtigall umtönt. Hier lagen ſich die Gatten in den Armen, und die Thränen ihres Schmer⸗ zes vereinigten ſich in heiliger Weihe. Das drunten ſchlief, ſollte ihr einziges Kind bleiben und das Geſchlecht der Patrika's er⸗ löſchen.
Das kleine Haus ging wieder in den Beſitz Patrika's über, und Frieden und ſüßes Glück wohnten darin. Bald auch kam Amnon ihnen nach. Mit den Mitteln, die Patrika ihm bot, be⸗ gann er ſein Handwerk von Neuem zu üben, führte ein braves Weib heim, und ſah ſich nach Jahren von zahlreicher Familie umgeben und bei einem arbeitsvollen Leben in genügendem Erwerb und Beſitz.
Doch nur wenige Jahre ſollte Patrika dieſe ungeſtörte Ruhe genießen. In Machuza, dem damaligen Hauptſitze der jüdiſchen 1 Weisheit im Oſten, war Rabah, der ruhmreichſte Meiſter der heiligen Wiſſenſchaft, geſtorben. Kein ihm ähnlicher Nachfolger be⸗
——


