IX
als Perſönlichkeit und Thatſache manifeſtirte, treu nach der Wirklichkeit bewahren und wiedergeben, während die Dich⸗ tung ſich jenen frei ſchaffen kann, wenn ſie nur dieſe Kund⸗ gebungen den innern Motiven entſprechend zu finden und zu wählen verſteht. Im geſchichtlichen Roman giebt aber die Poeſie einen Theil dieſes ihres Vorrechtes auf, indem ſie die Grundelemente ihrer Geſtalten und Vorgänge der Ge⸗ ſchichte entlehnt, und damit die freie Waltung nicht unwe⸗ ſentlich beſchränkt. Aber auch die Geſchichte bleibt in ihm nicht ohne Opfer; denn ſie muß es ſich gefallen laſſen, daß die Dichtung dem von ihr gelieferten Stoffe ein inneres Leben einflößt, das nicht immer, noch weniger ganz der Wirklichkeit entſpricht. Wenn es daher die beſondere Auf⸗ gabe, welche die neuere Geſchichtsforſchung ſich geſtellt hat, iſt, das innere Leben der geſchichtlichen Erſcheinungen wieder⸗ zuſchaffen, und ein treues Bild der Motive und Charaktere aufzuſtellen: ſo tritt ihr der hiſtoriſche Roman hierin viel⸗ mehr hemmend entgegen, und zerſtört nicht ſelten ihre müh⸗ ſamſten Schöpfungen. Entlehnt derſelbe von der Geſchichte nichts weiter als den äußern Faden der Ereigniſſe, wie Namen, Stand und Zeit der Perſouen, den er noch dazu mit eigenem buntfarbigem Zuſchuß verſieht, und ihn nach Belieben ausſpinnt oder abſchneidet, ſo hat der Dichter ſich nur eine bequeme Aushülfe für den Mangel an ſchöpferiſcher


