6
110
etwas, wenn auch nur ein Geringes, verdienen kann, und Muhme Dorothea heißt dich mit Freuden bei ſich willkommen. Da ganze Dorf nimmt herzlich Theil an
uns, denn ein Jeder iſt entrüſtet über die Härte des
Barons, da kein einziger Menſch den Vater für ſchul⸗ dig hält. Alſo komm' du nur, Mütterchen! Gott hat
uns bereits wohlwollende Herzen erweckt, und wie
lange wird's dauern, ſo müſſen auch Vater und Willy wieder frei werden.“
„Und was dann? Was dann, Luiſe?“
„Ei,« erwiederte das wackere Mädchen,—„ſteht denn nicht geſchrieben: du ſollſt nicht ſorgen für den kommenden Tag, und ferner: Gott, der die jungen Raben nährt, wird auch dich nicht darben laſſen? Much, Mütterchen! Nach Gewittern ſtrahlt der blaue Himmel doppelt ſchön!“
Der Zuſpruch des muthigen Kindes wirkte erfriſchend auf das gebeugte Herz Marie's. Sie raffte ſich auf
aus der Tiefe ihres Schmerzes, und verbannte mit
einer kräftigen Anſtrengung die Trauer aus ihrem
Gemüthe.
„Wohlan denn, laß uns gehen!“ ſagte ſie.„Auch nicht eine Nacht mehr will ich unter dieſem Dache ſchlafen, das uns von böſen Menſchen nicht gegönnt wird!“
Sie rief die kleine Anna herbei, packte ihre geringe Habe zuſammen in ein Tuch, legte ihre Bibel oben auf, band Alles in einen Kreuzknoten, und verließ die Waldhütte, unter deren Strohdache ſie ſo wenige frohe Stunden hatte verleben ſollen. So, ihr Kind an der
Hand, ihr Päckchen mit dem Beiſtande Luiſe's tragend,
wanderten ſie nach dem Dorfe, und wurden von Muhme


