Teil eines Werkes 
1. Buch (1873) Kaunitz und Voltaire / von Sacher-Masoch
Entstehung
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Sie ſehen, daß Crebillon's Lorbeern mich ſchlafen laſſen, ſagte Voltaire, als Richelieu an dem nächſten Mor⸗ gen mit dem preußiſchen Geſandten in ſein Zimmer trat. Mit ihm kamen andere Freunde des Dichters, alle mit den Mienen von Leidtragenden, nur Richelieu hatte nichts von ſeiner guten Laune eingebüßt. Lächelnd ſprach er:Sie werden uns die Stelle vorleſen von dem Tempel des Rufes.

Nein! antwortete Voltaire, der behaglich im Bette lag,eine andere vom Palaſte der Thorheit. Er richtete ſich auf und recitirte:Dort, wo einſt das Paradies der Narren war, wo das Chaos und die Nacht ihre Herrſchaft übten, ehe dieſe Welt entſtand, dort iſt das Reich der Thor⸗ heit. Dies greiſe Kind trägt einen grauen Bart, ein ſchie⸗ lend Auge, einen ſchiefen Mund. Die Unwiſſenheit iſt ihre Mutter, um ihren Thron verſammelt iſt die ganze alberne Familie: der Narrenſtolz, die Trägheit, die Leichtgläubig⸗ keit. Aſtrologen, Goldmacher, Theologen bilden ihren Hof⸗ ſtaat. Sie iſt bedient, ſie iſt geſchmeichelt wie eine Königin, und doch nur ein ohnmächtiges Phantom, ein Hilperic, ein König ohne Macht, ein Werkzeug nur und ihr Miniſter der Betrug.

Vortrefflich, ſagte Richelieu,ich fürchte nur, daß Crebillon Ihnen dieſe Stelle ſtreicht.

Crebillon mir? rief Voltaire aufgeregt.

Der König hat ihn ſo eben zum Cenſor bei dem Po⸗ lizeigerich ernannt, bemerkte Knyphauſen.

Sie glauben, daß ich deshalb nach Potsdam gehe, mein Herr Geſandte, Sie irren ſich, wiſſen Sie, was ich