Teil eines Werkes 
1. Buch (1873) Kaunitz und Voltaire / von Sacher-Masoch
Entstehung
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Richelieu ſah den Freund ſchweigend an, dann ſagte er:Sie denken alſo gar nicht daran, noch im letzten Augen⸗ blicke die Aufführung irgendwie zu hindern?

Voltaire lachte.Im Gegentheil, ich ſende meinen Bedienten hinein, damit er Beifall klaſcht.

Sie haben doch viele Feinde, fuhr der Herzog fort, die vornehme Welt ſieht es nicht gern, daß Sie Rouſſeau beſchützen, und ſo für ſeine Ideen einzuſtehen ſcheinen.

Mein Gott! rief Voltaire,ich verabſcheue, wie Sie, ein Syſtem, worin ich nur den Stolz eines Narren ſehe. Was ſieht die vornehme Welt ferner nicht gerne an mir?

Ihre Jungfrau von Orleans ſchwebt drohend über der Geſellſchaft, man fürchtet, daß Sie zu weit gehen, in Ihren Angriffen auf die Geiſtlichkeit auch die Religion mit Füßen treten. Was Thiriot aus Ihrem Gedichte vorlieſt, ſcheint zu beweiſen, daß Sie ſich Ihre komiſchen Figuren in den Reihen der Heiligen ſuchen. Sancho Panſa ſoll ein Karthäuſer ſein gegen Ihren heiligen Denis und Dulcinea von Toboſo eine blumige Elfe gegen Ihre Johanna D'arc.

Dennoch, entgegnete Voltaire,bin ich kein Feind unſerer Kirche, im Gegentheil kämpfe ich nur dafür, daß es Jedem erlaubt ſein ſoll, auf ſeine Weiſe närriſch zu ſein.

Richelieu lachte.Ich ſehe, Catilina hat Ihnen nichts von Ihrer guten Laune genommen, und wenn morgen Pa⸗ ris von Crebillon's neuem Ruhme wiederhallt?

Was iſt der Ruhm? ſagte Voltaire boshaft.Was iſt der Ruf? Im ſechsten Geſange der Jungfrau von Or leans beſchreibe ich den Tempel ſeiner Göttin. Dort, wo die Häupter der Alpen in die Wolken ragen, ſteht er aus Marmor durchſichtig erbaut, von keinem Dache, keinem Thor