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„Ja! Und ich fange damit an, daß ich Sie ſelbſt gegen Voltaire aufbringe.“
„Wie wollen Sie das anfangen?“
„Die Jungfrau, welche Frankreich von den Britten befreit hat, ſoll es auch von Voltaire befreien. Kennen Sie die Pucelle?“
„Das neue Gedicht Voltaire's?“
„Es ſind erſt einzelne Geſänge, aber Thiriot lieſt ſie in den Salons vor, und ſo kommt man in ihren Beſitz.“ Er zog ein kleines Heft aus der Taſche.„Es iſt ein böſes Gedicht, gleich im erſten Geſange wird ein König von Frankreich geſchildert, der ſich ſehr ſchwach zeigt, weil er in die ſchönſte Frau ſeines Landes verliebt iſt, und darüber zuerſt ſeinen Kopf und dann beinahe ſein Reich verliert.“
„Das ſteht in Voltaire's Jungfrau?“ rief die Mar⸗ quiſe.
„Es iſt hiſtoriſch,“ ſagte Kaunitz, und reichte Frau von Pompadour das Heft, welche daſſelbe durchflog.
„Gleich im zweiten Geſange iſt wieder von dieſem Könige und ſeiner Geliebten die Rede. Da“— er wies über die Schulter der Marquiſe auf einige Verſe.„Da hält ihm der heilige Denis eine Strafpredigt.— Aber regen Sie ſich nicht auf, Voltaire läßt gewiß die Namen Karl VMII. und Agnes Sorel ſehr groß drucken, damit man nicht meint, daß von Ludwig XV. und der Marquiſe von Pom⸗ padour die Rede iſt.“
Die Marquiſe zerknitterte das Heft in der Hand. „Das iſt Ihnen gelungen, Kaunitz,“ ſagte ſie,„ich geſtehe es, es gibt nichts in der Welt, wofür ich ſo empfindlich wäre, als die Satyre, ich haſſe ſie eben, weil ich ſie fürchte,
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