Er ſchien die Sultanin im grünen Hermelinkaftan ver⸗ geſſen zu haben. Sie hatte ihn nicht vergeſſen. Als die Gefahr am größten war, berief ſie ihn zu ſich, und ſendete ihn als ihren Bevollmächtigten nach Italien.
Von Nord und Weſt brachen die Feinde in das Land. In Böhmen und Ungarn zeigte ſich der alte Geiſt der Auf⸗ lehnung. In Linz huldigte man dem Baiern. Alles ſchien in Stücke zu gehen, Maria Thereſia hieß nur noch die Kö⸗ nigin von Ungarn.
Da lag in ihrer Perſönlichkeit das Reich. Sie, ihre Schönheit, ihr hoher Geiſt, ihre Thränen, die hinreißende Beredtſamkeit einer jungen Mutter, band die widerſtreben⸗ den Nationen zuſammen. Für ſie raſſelten ihre Säbel aus der Scheide, für ſie rüſteten die ungariſchen Stände, die böhmiſchen, die Tiroler. Und für Oeſterreich kämpften ſie und entriſſen ſeine Länder dem Feinde. Für Schleſien er⸗ oberten ſie Baiern.
Kaunitz eilte in Maria Thereſia's Intereſſe von Rom nach Florenz, nach dem ſchwierigen Turin. Ueberall ſicherte er ihr Bündniſſe, ihren Beſitz. Der Krieg hatte bereits viele Jahre gedauert, beide Theile waren ermüdet, da ſen⸗ dete Maria Thereſia Kaunitz in die Niederlande.
Hier begann er die Fehler der äußern Politik ſeiner Regierung ebenſo klar zu überſehen, wie jene der innern.
Das traditionelle Bündniß mit den Seemächten er⸗ ſchien ihm bald ebenſo verderblich, wie das ängſtliche Feſt⸗ halten an dem übriggebliebenen ceremoniellen Trödel des deutſchen Reiches. Damals ſchon ſetzte er auseinander, daß England und Holland Heſterreich ſtets nur benützen, benützt haben und benützen werden, um Frankreich in


