Die Hauptſtadt Frankreichs war eine Welt, das Paris, das Europa beherrſchte eine Kleinſtadt.
Jeden Tag verlangte das Gerücht ſeinen Götzen und ſein Opfer.
Wie Nachbar Hans und Nachbar Peter fanden ſich Voltaire und Richelieu in dem Kaffeehauſe an demſelben Tiſche zuſammen. Wie von der Frau Apothekerin und der Frau Richterin flüſterte man von der Marquiſe von Pom⸗ padour und der ruſſiſchen Kaiſerin. Man wußte es, wenn Diderot einen neuen Hut aufgeſetzt hatte eben ſo genau, als wenn ein Miniſterwechſel bevorſtand. In dem Winter, wel⸗ cher dem Friedensſ chluſſe folgte, bot ein neuer Gaſt der Welt⸗ ſtadt unerſchöpflichen Stoff. Ein fremder Sonderling, deſ⸗ ſen Name erſt durch die Urkunde von Aachen bekannt gewor⸗ den war, der öſterreichiſche Geſandte an dem Hofe von Verſailles, Graf Kaunitz.
In diplomatiſchen Kreiſen war man geneigt, den Frie⸗ den nur als eine Waffenruhe anzuſehen. Mit Ausnahme des Königs von Preußen war Niemand durch denſelben be⸗ friedigt.
Die Parteien ſtanden ſich noch gegenüber, aber ihre Reihen begannen ſich zu löſen. Die Beziehungen Frank⸗ reichs zu Preußen waren durch die letzten Ergebniſſe des öſterreichiſchen Erbfolgekrieges eben ſo gelockert worden, als jene Heſterreichs zu den Seemächten.
Unter dieſen Verhältniſſen legte man dem Poſten eines öſterreichiſchen Botſchafters in Paris eine ungewöhnliche Wichtigkeit bei.
Die Wahl, welche Maria Thereſia getroffen hatte, ſchien dieſe Anſicht zu rechtfertigen.


