Teil eines Werkes 
2. Band (1876) Novellen
Entstehung
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„Warum nicht“, meinte Kaunitz,„wenn ſie nur hübſch iſt.“

Wieder war es Dämmerung und wieder ermahnte Mutter Deckermann das hübſche Töchterchen ihre Au⸗ gen zu ſchonen, umſonſt, Lina trillerte ein munteres Liedchen und ſtickte emſig fort an einem reizenden Nachtjäckchen für die ſchöne Sängerin, welche ihr Herz ſo ganz für ſich gewonnen hatte, daß das Mädchen trotz ſeiner Armuth ſie weder um die Gunſt der Kai⸗ ſerin, noch ihren Luxus oder den Fürſten Kaunitz be⸗ neidete, ja um dieſen am wenigſten, denn ihr Offizier war ja noch weit jünger und hübſcher und als er plötzlich hereintrat, da flog ſie herzlicher als je um ſeinen Hals und drückte einen derben Kuß auf ſeine Lippen. Im nächſten Augenblicke beſann ſie ſich aber. „Nächſtens werden Euer Gnaden bei helllichtem Tage kommen“, ſpottete ſie,„geniren Sie ſich nur nicht, was liegt auch daran, ein armes Mädchen um ſeine Ehre zu bringen.“

„Lina! Was ſoll das?“ entgegnete der Lieutenant beinahe erzürnt.

„Das ſoll nichts weiter, mein Herr“, fuhr Blond⸗ chen fort,„als daß man von Ihren Beſuchen bei mir weiß, daß die hohe Keuſchheitscommiſſivn in Perſon hier war, um zu ſpioniren.“