Teil eines Werkes 
4. Band (1874)
Entstehung
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ſeiner Unterthanen und Soldaten vollſtändig entfrem⸗ det hatte und mit ſeinen Damen und Günſtlingen die Nächte hindurch wuſte Orgien feierte, lebte die Kaiſerin Katharina zurückgezogen in einem Kreiſe liebenswür⸗ diger und geiſtreicher Menſchen. Wenn die Geſellſchaf⸗ ten des Kaiſers an die Wachtſtube mahnten, ſo glichen ihre Cirkel den Pariſer Salons, hier wie dort war die Literatur der Brennpunkt der Unterhaltung.

Immer näher rückte der Tag heran, vor dem ſich Katharina, welche von dem Jähzorn des Kaiſers das Schlimmſte beſorgen mußte, ſo ſehr fürchtete. Den 29. April 1762 Nachmittags war ſie nicht mehr im Zweifel, daß ſie jede Stunde die Kataſtrophe erwar⸗ ten dürfte. Sie lag in ihrem Schlafgemach, in einen mit dunklem Pelzwerk gefütterten und beſetzten grün⸗ ſeidenen Schlafpelz eingehüllt, auf einem Divan, um ſie waren ihre Vertrauten, die Fürſtin Daſchkow, die Kammerfrau Tſcherekowskoja und Graf Panin, der Erzieher ihres Sohnes, des Großfürſten Paul, ver⸗ ſammelt.

Das Wichtigſte wäre, den Kaiſer zu jener Zeit ferne zu halten, wo das Ereigniß eintritt, ſagte die Daſchkow,er müßte unter irgend einem Vorwand be⸗

ſtimmt werden, für einige Stunden den Palaſt zu verlaſſen.