Teil eines Werkes 
2. Theil (1848)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

279

wenig Worten aber deſto beredtern Blicken Herz und Hand von ihr fuͤr's ganze Leben.

Und ſo war das große Dilemma endlich geloͤst und die beiden Verlobten durften, nachdem ſie die Hochzeit auf den Spaͤtherbſt feſtgeſetzt, ohne Prahlerei es hinaus⸗ rufen in den milden, herrlichen Fruͤhling: wir ſind gluͤck⸗ lich, vollkommen gluͤcklich!

Wir kehren nach dieſer langen, nichts deſto weniger nothwendigen Abſchweifung, dahin zuruͤck, wo wir beim Anfange unſers Kapitels ausgingen, naͤmlich auf die Zinne des Schloßthurms von Rußberg und ſehen Lydia, obwol inzwiſchen ſicher eine halbe Stunde verfloſſen und der gluthrothe Sonnenſtrahl ſo eben am Horizonte hinabge⸗ ſunken war, noch immer mit großer Spannung und Auf⸗ merkſamkeit die Landſtraße im Auge halten, ſo weit dieſe mit den Blicken zu verfolgen iſt. Den Grund ſolcher bei jeder Frau, mit Ausnahme der Verliebten, hoͤchſt ſeltenen Geduld und Ausdauer wird der freundliche Leſer nun leich⸗ ter errathen als zuvor: ſie erwartete Andreas, der geſtern in einem zaͤrtlichen Briefchen ſeinen Beſuch gemeldet hatte!

Da wirbelten hinter Meitingen Staubwolken von der Straße auf! Drei Reiter nahen im ſchnellen Trabe und biegen jetzt in die Dorfſtraße ein, zwiſchen deren Haͤuſern ſie ein paar Minuten lang verſchwinden. Jetzt erſcheinen ſie wieder der Vorderſte ſetzt ſich in Galopp, nicht achtend, daß es bergan geht. Kaum hat er einen Blick hinauf zum Schloſſe gethan und die holde Maͤdchengeſtalt auf der Thurmzinne erblickt,