225
ſtreben, riß er den Behaͤlter auf und griff, nach einem Gegenſtande ſuchend, hinein. Aber er wandte ſein Ge⸗ ſicht ab und hoͤrbar ſchlugen ſeine Zaͤhne, wie im Fieber⸗ froſt, zuſammen. Seine Hand hatte ein ziemlich großes, in einen dicken, mit Edelſteinen beſetzten Rahmen gefaß⸗ tes Medaillon erfaßt, und als er ſich jetzt langſam und widerſtrebend umwendete und ſeine Blicke auf das Bild⸗ niß fielen, da verzerrten ſich ſeine Zuͤge ſo grauenhaft und verriethen ein ſo zermalmendes Entſetzen, einen ſo folternden Seelenſchmerz, daß auch der gefuͤhlloſeſte in dieſer Stunde mit dem ungluͤcklichen Greiſe Mitleid ge⸗ habt haben wuͤrde. Seine wenigen, grauen Haare ſtraͤub⸗ ten ſich empor, und die tiefliegenden, erloſchenen Augen traten ſtarr und wie verſteinert aus ihren Hoͤhlen. Er ließ das verhaͤngnißvolle Bild auf die Platte des Tiſches fallen, als ſei es gluͤhendes Eiſen; aber regungslos dar⸗ uͤber hingebeugt, ſtierte er es unverwandt an, und ſeine bebenden Lippen ſchienen vergebens Gebete und Beſchwoͤ⸗
rungen zu murmeln, um den furchtbaren Zauber zu
brechen, den die Zuͤge des Portraits auf ihn ausuͤbten. Und dies Portrait war doch ſo einfach und kunſtlos; es wies das ſchlichte, beinahe nichtsſagende Geſicht eines jungen Mannes mit rothen Backen und blonden Haaren — kurz, das Geſicht ſeines verſtorbenen Bruders Chriſtoph, des Vaters jenes Juͤnglings, dem es der Graf entriſſen hatte!
Nach und nach ſchien der Greis den erſchuͤtternden Eindruck des Bildniſſes ſchwaͤcher zu empfinden; er ath⸗ mete tief und ſchwer, als er es emporhob nnd ſich dicht
15


