222
mir ruhten, wurde es mir voͤllig klar, daß wir uns ſchon irgendwo geſehen hatten, und ich ſchloß aus der raſchen Veraͤnderung ſeiner Zuͤge, daß er gleichfalls—“
„Graͤfin, hoͤren Sie auf!“ ſchrie Moͤllnitz, wild von ſeinem Seſſel aufſpringend,—„das iſt mehr als Scherz, das iſt— boshaft!“
Lydia laͤchelte bitter.„Sie beſtaͤtigen das Sprich⸗ wort, Arthur, daß ein Liebhaber an der Geliebten täglich neue Tugenden entdeckt!“ ſagte ſie, gleichfalls aufſtehend und ihre Stickerei in ein Koͤrbchen legend,—„binnen einer Viertelſtunde fanden Sie, daß ich launiſch, ſarka⸗ ſtiſch, boshaft ſei und doch—“
„Doch werde ich nie aufhoͤren, Sie mehr als mein Leben zu lieben!“ fiel Moͤllnitz ein, deſſen ganzes We⸗ ſen in Folge einer blitzſchnellen Ueberlegung eben ſo raſch voͤllig verwandelt und wieder ſo zaͤrtlich und beinahe ſchmachtend geworden war, als ſonſt.„Ich haͤufe Schuld auf Schuld, und jemehr ich fuͤhle, wie unwerth ich Ihrer bin, deſto inniger ſehe ich mich dennoch zu Ihnen hingezogen und deſto entſetzlicher deucht mir der Gedanke, es koͤnne je der heilige Schatz Ihrer Liebe mir entzogen werden. Noch einmal Lydia, verzeihen Sie mir; Sie hoͤrten des armen Suͤnders Beichte, verweigern Sie ihm nicht laͤnger die Abſolution.“
Er umſchlang das Maͤdchen, preßte ſie an ſeine Bruſt und druͤckte einen Kuß auf ihre Lippen. Lydia ließ ihn gewaͤhren und drohte ihm laͤchelnd mit dem Finger.


