92
Frau Henneke und ihre Tochter weinten mit Meike. Frau Rikmer war durch den Anblick der Leichen wieder an ihren Sohn gemahnt worden und wünſchte mit Thränen, daß er wenigſtens in ihren Armen geſtorben wäre. Nur die alte Großmutter behielt ihre Faſſung. Sie kniete nieder, ihr weißes Haar flog zerſtreut im Winde, und der Mond be⸗ leuchtete ſie durch das in Fetzen flatternde Ried des Daches. Sie erhob ihre Stimme, daß ſie durch das Geheul des Stur⸗ mes und der See und das Knarren und Aechzen der Bretter und Sparren hörbar blieb, warm und andächtig:
„Gedenke, Herr, an Deine Barmherzigkeit und Güte, die von der Welt her geweſen iſt. Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Uebertretung, gedenke aber meiner nach Deiner Barmherzigkeit um Deiner Güte willen. In wenigen Minuten ſind vielleicht ſchon dieſe ſchwankenden Bretter, die uns jetzt noch tragen, das Spiel der Wellen. Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue, erbarme Dich unſer! Du wirſt es, Vater, was zagen wir? Es ſollen wohl Berge weichen und Hügel fallen, aber Deine Güte wird nicht von uns weichen. Unſer Haus bricht um uns zuſammen, unſere Kör⸗ per werden bald auf den Fluthen treiben, aber das ſchreckt uns nimmer. Wiſſen wir doch, ſo unſer irdiſches Haus dieſer Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus nicht von Händen gemacht, das wis iſt im Himmel.“
Alle hörten ihr ſo aufmerkſam zu, daß ſie vergaßen, auf das zu achten, was um ſie her vorging. Die Ausſicht ver⸗
finſterte ſich, als zöge eine Wolke vorüber. Es war eine
*.


