Er ſah die ſchöne Frau, welche neben ihm ſtand. Es war eine wunderſchöne Frau in Trauer.
Jede Frau, ſei ſie noch ſo einfach und beſcheiden, gewinnt an Reiz, wenn ſie in Trauer geht. Eine gewiſſe natürliche Sanftmuth, welche jedem Frauengeſichte eigen, kommt durch dieſe Kleidung, in welcher ſo wenig Ab⸗ wechslung iſt, zum Vorſchein, wie manche Bilder, die einen heiligen Character ausdrücken, am Vortheilhafteſten in einem ſchwarzen Rahmen geſehen werden. Während die Schwermuth dieſer Tracht jenen angeborenen und urſprünglichen Character jedes Frauengeſichtes erhöht, läßt die Schmuckloſigkeit derſelben es zugleich in all ſei⸗ ner Eigenthümlichkeit hervortreten. Der Glanz von Brillanten auf der Bruſt einer Frau mag in der That einen Mann in Verſuchung führen, die Frau zu ſtehlen; aber er wird ihn nie in die Verſuchung führen, ſie zu lieben.
Die ſchöne Frau, welche Walter's Schulter mit der Hand leiſe berührt hatte, trug keine Brillanten. Sie trug ein hochanſchließendes ſchwarzes Kleid von leichtem Wollſtoff und eine ſchwarze Stuarthaube, welche das Goldblond ihres prächtigen Haares ſchlicht an die feinen Schläfen preßte. Die gänzliche Schmuckloſigkeit des Ge⸗ wandes, welche ſchon bei einem minder ausgezeichneten Weibe anziehend gewirkt haben würde, übte bei der großen Schönheit dieſer Dame einen lieblichen Zauber aus. Ihr Geſicht war ſo bleich und ſo anmuthig und ſo ſchön. Ihr blaues Auge war ſo beſchattet— ſei es von Trauer, ſei es nur von dem Trauergewand— ihr rei⸗ zender Mund hat einen ſo wehmüthigen Zug— ob von


