Teil eines Werkes 
2. Buch (1863)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Bäuerinnen alle gehen in dem ſchönen Lahngau, und litt auch nicht, daß ihre einzige Tochter, die Gertrud anders ging, wiewol ſie Nichts dawider hatte, daß ſie lernte, ſo viel ſie lernen mochte, und allerlei Bücher las, welche ihr die Studenten liehen. Aber dabei mußte ſie der Mutter in Allem zur Hand gehen; und oft an heißen Sommertagen konnte man ſie draußen in der Wieſe und auf den Feldern ſehen, wie ſie mit den Mägden vom Brunnenhof das Heu wendete oder die Garben band.

So herrſchte denn im Brunnenhof eigentlich ein doppeltes Regiment, und der Mann mit ſeinem Anhang, ſeinen Geſellen und Lehrlingen, ging ganz andere Wege, als ſeine Frau mit dem ihrigen, den Mägden und Knechten. Doch wußte die verſtändige Brunnenbäuerin es in den letzteren Jahren ſo einzurichten, daß der Mann, welcher den Baß ſpielte, in ſeinen freien Stun⸗ den die Kühe fütterte und die Pferde kämmte, worüber es allerdings faſt täglich noch zu Streitigkeiten zwiſchen ihr und dem Matz kam, welcher behauptete ſolch ein Geſchüft paſſe ſich nicht für einen Baßſpieler. Allein der Baßſpieler war auf Seiten der Frau: er ſah nicht ein, warum er den kleinen Nebenverdienſt nicht mit⸗ nehmen ſolle, zumal er ſich dadurch der Brunnenbäuerin ganz beſonders angenehm machte, die als unumſchränkte Gebieterin über Speiſeſchrank und Wurſtkammer mannig⸗ faltige Gelegenheit hatte, ſeinen guten Willen zu beloh⸗ nen. Die Flöte jedoch war anderer Anſicht. Sie gab dem Meiſter Recht, und hielt an dem Grundſatz feſt, daß es edler für die Kunſt ſei ein Stück Wurſt oder