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Blüten deutscher Dichter nebst Poetik und Literaturgeschichte ... / bearb. von J. Schenckel
Entstehung
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In Beſchreibung und Schilderung iſt Freiligrath Meiſterund zwingt uns in der beſchreibenden Poeſie vollen Beifall ab. Er ſteht unter allen Dichtern ganz eigenthümlich da, hat ſich die Welt ſeiner Dichtung ſelbſt erobert und beherrſcht ſie mit aller Macht ſeines kühnen Geiſtes, umgeben von Glut und Pracht. Vor Allem gefällt ihm das Kecke und Gewagte, oft auch das Gräßliche, vor dem ihn ſchon Chamiſſo gewarnt hat; er taucht ſeinen Pinſel in glühende Farben oder in die ſchäumenden Wogen des Oceans und malt mit kecker Hand ein Naturbild, oft brennend, ja blutigroth colorirt; er gleichtdem Flammenthier aus Alexan⸗ drien, das wiehernd über die Abgründe ſetzt, mag auch darob das Hufhaar blu⸗ ten. In der größten Zahl ſeiner Dichtungen trägt ihn ſeine Phantaſie aus ſei⸗ ner an dichteriſchem Stoff ſo reichen Heimat Deutſchlands hinaus auf die bran⸗ dende See, in die brennendheißen Sandwüſten, unter die Palmen des Orients und zu dem Aufenthalte der tropiſchen Beſtien.(Vgl. Nr. 100.) Höchſt ſelten ſteigt er in den Schacht ſeiner eignen Bruſt und rührt die Saiten des menſch⸗ lichen Herzens, daß ſie geheimnißvoll und tief harmoniſch ertönen; wie in den Gedichtender Blumen Rache(Nr. 118),der Liebe Dauer(Nr. 184),das Wetterleuchten in der Pfingſtnacht(Nr. 68),der Tod des Führers(Nr. 162) ꝛc. Seine Sprache iſt markig und kernig, und der Vers lebendig und kräftig gebaut. Bei allen dieſen Vorzügen macht jedoch F. oft tadelnswerthe Jagd auf überra⸗ ſchenden Beifall, den er beſonders durch die vielen Fremdwörter, worüber uns oft das beſte Lexikon im Stiche läßt, zu erlangen ſucht. Im Ueberſetzen frem⸗ der Poeſieen ins Deutſche hat ſich F. als Meiſter gezeigt.

In Düſſeldorf pflegt Wolfgang Müller*) geb. am 5. März 1816 in Königswinter am Fuße des Siebengebirgs, ſtudirte in Bonn Medizin und wirkt jetzt als praktiſcher Arzt der Dichtkunſt. Seine Lieder quillen aus einem friſchen, geſunden Herzen; ſie ſind ſtärkend und erquickend wie die thaufriſchen Morgen, warm und weich wie der heitere, milde Frühlingsabend und die daunen⸗ weiche, balſamduftende Sommernacht, zart, innig und ſüß wie die reine Liebe eines liebewarmen Herzens, erhaben und ſehnſuchtweckend wie der ſterndurchfun⸗ kelte, blaue Himmelsdom. Was der Dichter im Liede ausgeſprochen:

Es führt dich zu der Freude Scharen,

Zu großer Seelen edlem Chor,

Volkslieder will ex offenbaren

Und Sagen**) flüſtern dir ins Ohr.. Neben ihm iſt als Mitträger des Ruhmes, den ſich die jüngeren rheiniſchen Dichter erworben haben, Gottfried Kinkel***) zu nennen. K. iſt geb. am 11. Auguſt 1815 zu Oberkaſſel, unweit Bonn, wo ſein Vater proteſtantiſcher Pfarrer war. In Bonn ſtudirte er Theologie, trieb aber nebenbei Altdeutſch und altdeutſche Literatur, welche Studien er noch ein Jahr in Berlin fortſetzte. 1837 wurde er Licentiat und Privatdocent bei der evangel. theol. Fakultät in Bonn, machte 1838 eine Reiſe nach Italien, wurde 1846 mit der Theologie zerfallen außerordentl. Profeſſor der Kunſt⸗ und Literaturgeſchichte, nahm 1849 am badiſchen Aufſtande Theil, ward gefangen, nach Naugard und von da nach

*) Dichterh. 2r Bd., S. 241.**) Vgl. 205 279 u. 290.**) Dichterh. 2r Bd., S. 57.