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Blüten deutscher Dichter nebst Poetik und Literaturgeschichte ... / bearb. von J. Schenckel
Entstehung
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Wem Leben Leiden iſt und Leiden Leben, Da mag nach mir, was ich empfand, empfinden ſagt der Dichter ſelbſt. In ſeinenGaſelen undSonetten zwingt er ſelbſt dem Feinde ſtaunende Bewunderung ab und zeigt eine Vollendung der Sprache, wie ſie nur immerhin möglich iſt. DieHymnen undFeſtge⸗ ſänge, im Geiſte Pindar's gedichtet, hielt Platen ſelbſt für das Beſte, was er in der Lyrik geſchaffen, und in der That ſind ſie das höchſte, was die Literatur in reimloſer, rhythmiſcher Poeſie aufzuweiſen hat. Wohl darf Platen darum, ohne unbeſcheiden und anmaßend zu ſein, von ſich ſagen: Wie ein Eichſtamm in der Waldſchlucht allein Steht frei gewachſen und hoch mein Geſang: Ausraufen magſt du das bunte Moos wohl, Der Rinde Schmuck, nicht aber den Baum; zu tief wurzelt er. §. 48. An Rückert und Platen vorbei treten wir nun in unſere jüngſte Literatur ein, von einer Anzahl junger Talente eröffnet, die in kritiſcher Ver⸗ ſtändigkeit und Reflexionsſchärfe in gewiſſer Beziehung die Sturm⸗ und Drang⸗ periode der 70er Jahre zurückrufen, dabei aber nicht bloß dem regelſtarren Her⸗

kommen in der Poeſie, ſondern wie das Programm dieſesjungen Deutſchlands in Wienbarg's äſthetiſchen Feldzuge,(demjungen Deutſchland gewidmet, woher der Name) lautet:dem Philiſterium, wo es ſich immer

in unſeren Literatur⸗ oder Socialitäts⸗Verhältniſſen finden möge, den Krieg ankündigt und dadurch die beſtehenden ſittlich⸗religiöſen, wie die ſtaatlichen Ver⸗ hältniſſe unterwühlt. Als erſter Vertreter dieſer Beſtrebungen iſt zu nennen:

Heinrich Heine, am 1. Januar 1800 zu Düſſeldorf von jüdiſchen Eltern geboren, ſtudirte in Bonn, Berlin und Göttingen die Rechte, trat 1825 zum Chriſtenthum über und lebte nun abwechſelnd in Hamburg, Berlin und München. Seit 1830, nach der Junirevolution hat er ſich Paris zum Aufenthaltsorte ge⸗ wählt, wo er nun ſchon ſeit Jahren gänzlich erblindet und unter den größten Schmerzen hoffnungslos darnieder liegt.

Heine iſt unbeſtreitbar ein ſeltenes lyriſches Dichtertalent, das durch ſeine Dichtungen manchen werthvollen Edelſtein in die Krone der deutſchen Poeſie ge⸗ ſetzt hat. Leider aber fehlt es ihm zu ſehr an kräftiger Geſinnung, an Charakter und Wahrheit, an der eigentlichen Weihe des höhern Genins. In ſeinemBuch der Lieder hat er eine Auswahl ſeiner Gedichte dem Publikum übergeben. Vieles darin iſt trüb, kalt und ſchauerlich. Traum, Todtenhemd, Sarg, Kirchhof, Geiſter, marmorblaſſe Leichen, blaſſe Buchſtaben, bleiche Knaben, Thränen und Schmerz ꝛc. ſind Worte, die er gern wiederholt. Gar zu häufig begegnet man dem kranken Dichter, der ſogar ſeine Bläſſe für vornehm hält, bittere Thränen vergießt und ſeinen großen Weltſchmerz kund gibt. Alles Vergnügen iſt ihm nichts als ein geſteigerter Schmerz und uur den Kranken läßt er als Menſch gelten. Entweder iſt Heine ein Poet der Lüge, der nicht fühlt und glanbt, was er ſingt, oder er hat ſeltene, feierliche Augenblicke, in denen er zauberiſch die böchſten und heiligſten Gefühle ſo zart und erhaben aus ſeiner Bruſt quellen läßt. Dann nimmt ſeine großartige Phantaſie einen außerordentlichen Schwung,