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Blüten deutscher Dichter nebst Poetik und Literaturgeschichte ... / bearb. von J. Schenckel
Entstehung
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ſöhne, die vorüberzogen und ſie liebten: Uhland ſchuf wie Schiller eine idealiſche, überſinnliche Welt, ſo in ſeinen Gedichten eine idealiſche, wirkliche Welt. Was er inSängers Fluch(Nr. 240) ſagt, gilt mit vollſtem Rechte von ihm:

Sie ſingen von Lenz und Liebe, von ſelger, goldner Zeit, Von Freiheit, Männerwürde, von Dreu und Heiligkeit. Sie ſingen von allem Süßen, was Menſchenbruſt durchbebt, Sie ſingen von allem Hohen, was Menſchenherz erhebt.

Juſtinus Kerner*), ein inniger Freund Uhland's, gehört ebenfalls in den Kreis der ſchwäbiſchen Dichter und iſt am 18. September 1786 zu Ludwigs⸗ burg in Würtemberg geboren, wo ſein Vater Regierungsrath und Oberamtmann war. Seinen erſten Unterricht genoß Kerner in der dortigen lateiniſchen Schule und im Kloſter zu Maulbronn. Ein harter Schlag für ihn war der frühe Tod ſeines Vaters. Höchſt ungern, ja gegen ſeinen Willen, ſollte Kerner nun Kauf⸗ mann werden und kam deshalb in eine Tuchfabrik zu Ludwigsburg. Der Pfarrer und Dichter Conz**) daſelbſt brachte es jedoch dahin, daß der gedrückte, einer widerſtrebenden Lebensrichtung gewidmete Jüngling, 1804 als Studioſus der Medizin die Univerſität Tübingen bezog. Nach fünfjährigem Studium verließ er die Hochſchule, begab ſich 1809 auf wiſſenſchaftliche Reiſen, war eine Zeit lang in Berlin und Wien, ward praktiſcher Arzt in Gaildorf und lebt jetzt ſeit vielen Jahren als Oberamtsarzt in dem bekaunten Städtchen Weinsberg. Hier hat er ſich am Fuße der Weibertreue ein gaſtliches Haus erbaut und herrliche Anlagen hervorgerufen, wo ſonſt nur Schutt und Trümmer geweſen. Die Glieder ſeiner Familie ſind durch die innigſte Liebe miteinander verſchlungen und das wahre häusliche Glück hat ſeinen Wohnſitz bei ihm aufgeſchlagen.

Kerner verdient einen großen Theil der Achtung, welche man den ſchwäbiſchen Dichtern zollt, freilich nicht in dem Grade, wie der große Meiſter Uhland, den er ſich zum Vorbilde genommen, ohne daß er ihn geiſtlos nachahmt; denn er iſt ſelbſt der Schöpfer ſeiner Poeſie, erkennt unter der großen Zahl der ſchwäbiſchen Sänger keinen König an, und ruft Goethe noch unterm Leichenſtein zu:

Da ſinget Jeder ſeine Weiſ

Nach ſeinem eignen Schnabel,

Ob Nachtigall, ob Fink er heiß, Wenn ſchön nicht, doch paſſabel.

Die Wachtel bleibt beim Wachtelſchlag, Fink nicht wie Lerche ſingen mag.

Wie Uhland, ſo hat ſich auch Kerner die Natur zum Gegenſtande ſeiner Dichtung gewählt, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie bei Uhland in heller, lieb⸗ licher Sonntagstracht erſcheint und heitere Frühlingslieder ꝛc. ſingt, während ihr Kerner den ſchwarzen Mantel der Trauer anlegt und ſchauerliche Herbſtklagen

*) Dichterhalle 2r Bb., S. 27.*) Karl Philipp Conz, geb. 1762, 1827 als Profeſſor der klaſſiſchen Literatur zu Tübingen, lehnt ſich als Dichter in Ton und Ausbruck an Voß, hat aber nichts Bedeutendes geleiſtet. Seinen Gedichten mangeltpoetiſche Innerlichkeit, ſind dagegen reich an Reflexion.