Druckschrift 
Blüten deutscher Dichter nebst Poetik und Literaturgeschichte ... / bearb. von J. Schenckel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

42

Und wie Natur in frommer Feier Geſchloſſnen Auges betend ſteht, So von dem Erdenſtaube freier Ruht auch die Seele im Gebet. Ein Frieden iſt in ſie ergoſſen, Sie fühlt von Schuld und Gram ſich rein; Die Zukunft iſt ihr weit erſchloſſen Und liegt in morgenrothem Schein. Ich weiß, noch wird ein Sabbath kommen, Nach dem des Glaubens Sehnſucht ringt, Nach dem in Demuth ſchaun die Frommen, Der ganz uns Eden wiederbringt.

15 O wunderbares, tiefes Schweigen, Wie einſam iſts noch auf der Welt! Die Wälder nur ſich leiſe neigen, Als ging der Herr durchs ſtille Feld.

Ich fühl mich recht wie neu geſchaffen, Wo iſt die Sorge nun und Noth? Was mich noch geſtern wollt erſchlaffen, Ich ſchäm mich deß im Morgenroth.

Wenn erſt der letzte aller Heiden

Als Bruder an das Herz uns fällt, Wenn wir die letzte Garbe ſchneiden, Dann iſt vollbracht das Werk der Welt.

Noch Eine Ruhe ſoll dir werden, O Volk des Herrn! Sie iſt nicht fern, Denn ſchon erglänzt auf weiter Erden Das Krenz als ewger Morgenſtern. Getroſt, getroſt! bald iſt verronnen Der Weltenwoche Sturmeslauf!

Im Oſten graut mit hellern Sonnen Der Weltenſabbath ſchon herauf! Gottfried Kinkel.

Morgengebet.

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke Will ich, ein Pilger, frohbereit Betreten nur, wie eine Brücke,

Zu dir, Herr, überm Strom der Zeit.

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunſt

lauernd, Um ſchnöden Sold der Eitelkeit: Zerſchlag mein Saitenſpiel, und ſchauernd Schweig ich vor dir in Ewigkeit. Joſ. Frhrr. v. Eichendorff.

76. Morgenlied.

Verſchwunden iſt die finſtre Nacht, Die Lerche ſchlägt, der Tag erwacht, Die Sonne kommt mit Prangen Am Himmel aufgegangen.

Sie ſcheint in Königs Prunkgemach,

Sie ſcheinet durch des Bettlers Dach, Und, was in Nacht verborgen war, Das macht ſie kund und offenbar.

Lob ſei dem Herrn und Dank gebracht, Der über dieſem Haus gewacht, Mit ſeinen heilgen Scharen Uns gnädig wollt bewahren. Wohl Mancher ſchloß die Augen ſchwer Und öffnet ſie dem Licht nicht mehr: Drum freue ſich, wer neu belebt, Den friſchen Blick zur Sonn erhebt!

Fr. v. Schiller(in ſeiner Ueberſetzung des Macbeth.)

77. Morgenlied.

Es taget in dem Oſten, Es taget überall. Erwacht iſt ſchon die Lerche, Ewacht die Nachtigall.

Wie ſich die Wolken röthen Am jungen Sonnenſtrahl! Hell wird des Waldes Wipfel

Und licht das grane Thal.