12
noch immer ſchöne, auf Geburt und Reichthum ſtolze Dame, welche aber ebenfalls nicht ohne Gutmüthigkeit, nur ſehr egoiſtiſch war, hatte nichts dagegen, die Waiſe bei ſich aufzunehmen. In dem großen Schloſſe gab es ja Zimmer genug, und Hermine konnte ſich ihr und ihren Töchtern, einem dreizehnjährigen Zwillingspaare, nützlich machen. Dies waren die Gedanken und die nur milder ausgedrückten Aeußerungen der Gräfin Eulalie, und ſo ward denn eine alte Dienerin abgeſandt, Hermine von Rainsdorf aus ihrer bisherigen Heimat nach Schloß Kaltenſtein abzuholen. Die Gräfin, in der Regel nur mit ſich beſchäftigt, that noch mehr; ſie gab Vefehl, ein freund⸗ liches Gemach neben der Erzieherin ihrer Töchter für Hermine einzurichten und in demſelben das Portrait ihrer Mutter aufzuhängen, welches ſich noch unter den Familienportraits befunden hatte Die Gräfin hatte da⸗ für die Genugthuung, daß der Graf ihr die Hand küſſend ſagte:„In Wahrheit, beſte Eulalie, Du biſt die Güte und Liebenswürdigkeit in höchſter Potenz!“
Dieſe Worte, welche nicht ungehört blieben, erweck⸗ ten im ganzen Schloſſe ein Echo, und Gräfin Eulalie, die ſich geſchmeichelt fühlte, ſah dem Kommen der armen kleinen Nichte mit Vergnügen entgegen.
Spät abends war Hermine in dem alten Schloſſe,
wo ihre Mutter geboren war, eingetroffen. Eine alte
„


