Druckschrift 
Petersburg am Tage und bei Nacht. 5.-8.Bändchen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

237

Marie blieb verwundert an der Schwelle ſtehen. Die Bronizin verſtand ihre Unentſchloſſenheit.

„Tritt näher, Marie, auch Du biſt unglücklich und Du wirſt ihre Thränen verſtehen. Ich bemerkte ſchon ſeit lange, daß dieſem armen Mädchen ein ſchwerer Gram auf dem Herzen liegt, daß ſie niemanden ſich vertrauen, an niemandens Bruſt ſich ausweinen will. Ich bat die Mutter, ſie bei Dir nachten zu laſſen, um ſo mehr, als auch Du, wenn auch nicht des Troſtes, doch der Thränen einer Freundin bedarfſt. Das arme Mädchen warf ſich mir, als wir allein waren, um den Hals und vertraute mir ihre hoffnungsloſe Liebe. Ich bin überzeugt, daß ihr jetzt leichter iſt.“

Olga ſeufzte tief auf Sie hörte zu ſchluchzen auf, erhob ihr Köpfchen und blickte mit feuchten, innige Erkenntlichkeit ausdrückenden Augen auf die Bronizin..

„Marie, Du weißt nicht Alles. Newski hat ſich eine gefährliche Erpedition nach*** ausgebeten. Der edle Graf Lawr⸗Sokolnick gab ihm eine Nacht zur Ueber⸗ legung. Die Erpedition iſt ſchon beſtätigt, alles iſt ent⸗ ſchieden; wenn ſich Modeſt nicht eines Beſſern beſinnt, reist e morgen ab. und kehrt gewiß nie wie⸗

„Nie!“ rief Olga verzweifelt aus.

„Aber noch iſt uns eine Nacht geblieben„. Man muß handeln. Bete, Olga!. Lebe wohl, Marie!.

„Was willſt Du thun?„

„Ihr denkt nicht ans Schlafen, ich weiß es!„ Vielleicht ſehen wir uns heute noch. Zum Wiederſehen.“

Frau von Bronizin umarmte eilig ihre jungen Freundinnen und verließ ſie.

Die in Newskis Wohnung herrſchende Unordnung, die überall herumliegenden Mantelſäcke und Wagenkiſten, zeugten deutlich von Newskis Vorhaben. Die Bedienten ſchliefen. Neweki allein wachte. Er verließ Petersburg, um ſeine Schmach weit, weit von den Menſchen zu ver⸗