51
welches das Zugloch ſich mündete, das augenſcheinlich zum Einlaſſen des Tageslichtes beſtimmt war, obgleich es dieſe Beſtimmung nur in einem ſehr geringen Grade erfüllen konnte, in dieſem von einem Nachtlichte ſpärlich erleuch⸗ teten Kämmerchen erſchallte ein herzzerreißendes Geheul. In der Tiefe ſtand ein Weib, mit zerrauftem, granem Haare, funkelnden Augen, von einem ungeheuern Wuchſe und einem abſchreckenden Geſichte, einer Megäre oder einer Makbethiſchen Here auf ein Haar gleich: einen Arm in die Höhe haltend, hielt ſie mit dem Andern einen Knaben, der ſich ihr entreißen wollte. Der Knabe weinte nicht; das Winſeln der Verzweiflung, das im Kämmer⸗ chen erſchallte, kam aus einer andern nicht weniger leiden⸗ den Bruſt. Ein Mädchen von dreizehn oder vierzehn Jahren warf ſich mehrere Male auf den Knaben, aber die alte Megäre ſtieß ſie grauſam zurück: dieſes Mädchen war Jenny. Miller hatte ſie erkannt; er brannte vor Begierde, daß ſie einen Blick auf's Fenſter werfe, da er wünſchte, ihr durch ſeinen Blick nur einen Hoffnungs⸗ funken einzuhauchen, damit ſie alle Kraft und Geduld ſammle, um ihrer Befreiung entgegenzuharren, an die Miller jetzt feſt glaubte. Dieſer weibliche Henker ließ von Zeit zu Zeit ihren Arm fallen, horchte auf den Athem des Knaben und fragte: ²
„Willigſt Du ein?“ Sobald Du einwilligſt, will ich Dir gutes Eſſen geben, führe Dich in ein reines Zimmer. Das Mädchen hat eingewilligt, willige auch Du ein.. Nun, willigſt Du ein?“
Doch der Knabe nahm alle ſeine Kraft zuſammen und ſprach mit feſter Stimme:„Nein!“„ Dieſer Knabe war der Zerlumpte.
In einem der Zwiſchenakte dieſes Dramas bemerkte die Alte einen Schatten dem Zugloche gegenüber, ſie blickte auf— und ſah ein menſchliches Geſicht... Raſch ergriff ſie ein neben ihr liegendes Küchenmeſſer und ſtürzte ans Fenſter; Miller hatte aber Zeit gehabt, ſeine Lage zu


