Druckschrift 
Petersburg am Tage und bei Nacht. 5.-8.Bändchen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

Er blickte lange auf's Bild; dann ſprach er traurig: Ich habe ſie nicht mehr, meine Tröſterin. ſchwer wird der Kummer auf mir liegen, der mich jetzt heim⸗ ſucht Er küßte das Bild und fing das Zettelchen mit thränengefüllten Augen zu leſen an: Mein lieber Fritz' Aus altem Andenken kam ich, von Dir Abſchied zu nehmen. Meine Dienſtgeſchäfte und eine ſtarke Praris erheiſchen es unumgänglich, daß ich im Mittelpunkte der Stadt wohne: bis jetzt habe ich bald im Gaſthauſe, bald bei Schulkameraden genachtet. Ich bin des Herumtreibens müde: es iſt Zeit, einen Ort zu haben, den Kopf hinzulegen, um ſo mehr, da ich Kranke bei mir aufnehmen muß. Du kannſt Dir kaum denken, wie viel ich zu thun habe; man muß Tag und Nacht arbeiten, und ich unterlaſſe es nicht, um Fortuna nicht aufzubringen, die mich ſo huldreich anlächelt. Ich rathe auch Dir, mein lieber Fritz, meinem Beiſpiele zu folgen und nicht die leiſeſte Gelegenheit, Fortuna's Huld zu erwerben, vorbeiſchlüpfen zu laſſen. Dieſe Gelegen⸗ heiten ſind ſelten, Fortuna iſt ein Weib und hat Launen. Nimm einmal Deine Geſchichte mit dem Fürſten: war da nöthig, mit einem Manne auseinanderzugehen, der Dir in der Welt wirklich nützlich ſein konnte. Etwas Schmeichelei im Geſpräche, einige helle Farben auf dem Bilde, und Du hätteſt einen zuverläßigen Beſchützer ge⸗ funden. Das wäre wahrlich vernünftiger, als die geheim⸗ nißvollen Zuſammenkünfte, der Himmel weiß wo und mit wem Apropos, ſei doch ſo gut und trage meinen Rock nicht, um mich und meine Schulkameraden nicht zu kompromittiren. Ich rechne in dieſem Falle auf Deine Ehrlichkeit und will Dir nicht durch die Forderung, ihn mir zu überſchicken, zur Laſt fallen. Lebe wohl! Sei glücklich. Jwan Newſgodin. Dann folgte das Datum. Die Adreſſe ſeiner Wohnung war nicht ange⸗ geben.

Viller faltete das Zettelchen langſam und vorſichtig,