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Die alte Jungfer : eine Erzählung / von der Verfasserin des "Tagebuchs eines armen Fräuleins" [d.i. Marie Nathusius]
Entstehung
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Riſſion betheiligt und ein recht geiſtlich geſinnter Mann iſt. Nein, ich finde jetzt ſogar, daß die Gefahr auf der anderen Seite liegt: das Chriſtenthum iſt zu Ehren gekommen, und gar mancher könnte aus äußeren weltlichen Rückſichten das Banner des Glaubens vor ſich hertragen. Die andere Frage, ob Chriſten immer dürfen freudig und glücklich ſein, kann ich recht von ganzem Herzen mit Ja beantworten, ſie dürfen es nicht allein, ſie müſſen es auch. Seitdem mich der Gerr aus der Wüſte und Hede der Welt an ſein Herz genommen, habe ich, trotz aller Trübſal, Freudigkeit und Frieden erſt kennen gelernt. Haß und Spott der Welt hat mich gar nicht geſtört oder be⸗ drückt, weil ich nur zu gut wußte, wie troſtlos und be⸗ mitleidenswerth dieſe Welt iſt, weil ich es ſelbſt erfahren, wie ich bei äußerer Sicherheit und Klugheit und äußerem Stolze, mit dem ich von meinem eigenen beglückenden Got⸗ tesglauben ſprach, die traurigſte Unſelbſtändigkeit, Bangig⸗ keit, das größte Elend barg. Der Kampf mit der Sünde im Zuſammenleben mit dem Herrn, mit meinen Umgebun⸗ gen, das oft ſo dürre matte Gefühl in der Seele, machten mir noch ſchwere Stunden und werden ſie mir machen ſo lange ich lebe; aber das Bewußtſein: der Herr wird dir helfen, der Vergleich mit der Zeit, wo ich ohne ihn ver⸗ laſſen irrte, erfüllten mich auch dann mit Troſt und Zu⸗ verſicht und Danken und Preiſen. Ja Danken und Preiſen im voraus, weil ich weiß, der Herr wird mir auch wieder

Erquickungszeiten ſchicken. Die alte Jungfer. 2. Aufl. 15