Druckschrift 
Die alte Jungfer : eine Erzählung / von der Verfasserin des "Tagebuchs eines armen Fräuleins" [d.i. Marie Nathusius]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Da durchzuckte mich der Gedanke: der Herr iſt immer bei uns, er hat geſagt: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, auch hier iſt er, er wandelt dir zur Seite. Ich ſchloß die Augen, ich ruhte im Geiſt zu ſeinen Füßen, ich ſchaute ein Angeſicht voll Gnade, es war mir nur wie ein Schritt zum ſchönen Himmel hinauf, wo die Palmen ſtehen und die Lebensbrunnen rauſchen. Wenn der Herr aber jetzt ſpräche: Komm, gieb mir deine Hand, ich will dich mit mir nehmen! Ein freudiger Schrecken geht durch meine Seele. Auf, hinauf zu meiner Freude! o kleine Welt, mit deinen kleinen Leiden, dei⸗ nen kleinen Freuden, mein Herz läßt dich gern, weil es ſich oft ſo einſam fühlt. Und doch will ich denn ſo⸗ gleich und willig dem Herrn folgen? Ich beſinne mich. O lieber, treuer Herr, habe Geduld mit mir, bitte ich demüthig, ich bin doch nicht recht vorbereitet, ſieh, ich habe dort unten ſo manches Herz, das mich liebt und das ich wieder liebe, und ich war bis jetzt ſo thöricht, an einen Abſchied ernſtlich nicht zu denken, ich habe noch ſo manches Liebeswort zu reden. Der Herr lächelt dennoch freundlich, und ich wandele weiter meinen Weg und prüfe mich, was mir noch fehlt, um jeden Augenblick bereit zu ſein, Seinem Gnadenrufe zu folgen. Der Herr wolle es ſegnen. Am Häuschen am Kaſtanienhügel ging ich vorüber, die einſame Stube mit dem einſamen Sonnenſchein zog mich jetzt nicht, ich wollte unter lieben Menſchen ſein und ging nach dem Pfarrhauſe mit den beiden Linden.